
Eigentlich hatte der Ortsbeirat Wehlheiden in seiner ersten Sitzung einen zweiten Stellvertreter für die Ortsvorsteherin gewählt. Doch die Stadt moniert hierbei einen Verfahrensfehler. Um Klarheit zu schaffen, kam sogar der Oberbürgermeister zur jüngsten Sitzung des Ortsbeirats.
Einleitung
Kassel – Zu seiner vierten Sitzung der Wahlperiode ist am Donnerstag, 20. August 2026, der Ortsbeirat Wehlheiden zusammengekommen. Bei der Sitzung in der Geflüchtetenunterkunft am Auestadion in der Jägerkaserne waren 8 von 13 Mitgliedern anwesend. Es fehlten Ortsvorsteherin Madlen Freudenberg (Grüne), Ramona Degenhardt (CDU), Yasemin Sönmez (Die Linke), Nicolo Mazzola (Die Linke) sowie Ylva von Löhneysen (parteilos/Die Linke).
In Vertretung der Ortsvorsteherin begrüßte ihr Stellvertreter Andreas Nitsch (SPD) um 19 Uhr die Ortsbeiratsmitglieder und etwa 15 Gäste im Publikum, darunter den Stadtteilbeauftragten aus dem Vorderen Westen, Mario Lang (SPD), sowie die Stadtverordnete aus Wehlheiden, Pilar Butte (Grüne). Angereist waren auch Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne), Stadtbaurätin Simone Fedderke (Grüne) sowie der Leiter des Stadtverordnetenbüros der Stadt Kassel, Thorsten Bork.
Die Sitzung begann mit der Bürgerfragestunde. Weder Gäste noch Ortsbeiratsmitglieder formulierten jedoch Fragen an den Magistrat.
Anschließend bestätigten die Ortsbeiratsmitglieder einstimmig die Niederschriften der Sitzungen vom 27. Mai und 18. Juni 2026.
TOP 1: Nichtanerkennung der Wahl 2. Stellvertretender Ortsvorsteher
Da Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) im Anschluss noch zu einem weiteren Termin aufbrechen musste, wurde der zunächst an Position 3 platzierte Tagesordnungspunkt „Nichtanerkennung der Wahl 2. Stellvertretender Ortsvorsteher“ vorgezogen. Schoeller drückte zunächst seine Freude über den gut gefüllten Saal in der Geflüchtetenunterkunft aus: „Dass der Ortsbeirat so stark besetzt ist, ist ein gutes Signal für die Demokratie im Stadtteil.“
Stand heute hat Wehlheiden nur einen stellvertretenden Ortsvorsteher in Person von Andreas Nitsch (SPD). Dabei war in der ersten Sitzung am Mittwoch, 30. April 2026, auf Anregung von Linken-Ortsbeiratsmitglied Yasemin Sönmez auch ein zweiter Stellvertreter gewählt worden, um die Mehrheitsverhältnisse im Ortsbeirat gerechter widerzuspiegeln. Bei geheimer Wahl wurde in diese Position Jan Hörmann (CDU) berufen.
An diesem Vorgang nahm der Magistrat der Stadt Kassel mit Beschluss vom Montag, 8. Juni 2026, Anstoß. Konkret: Er beanstandete die Wahl des zweiten Stellvertreters. Sie sei nicht gültig durchgeführt worden, wie Schoeller erklärte. Wie kommt der Magistrat zu dieser Einschätzung? In seiner Einladung zur ersten Sitzung hatte der bisherige Ortsvorsteher Stephan Amtsberg (Grüne) lediglich die Wahl eines neuen Ortsvorstehers, eines (!) Stellvertreters sowie des Schriftführers angekündigt.
In der Sitzung vom Mittwoch, 30. April 2026, beantragte dann Yasemin Sönmez (Die Linke), einen zweiten Stellvertreter zu wählen. Dies beschlossen die neu gewählten Ortsbeiratsmitglieder einstimmig. Die auch damals anwesende Stadtverordnete aus dem Stadtteil, Pilar Butte (Grüne), erinnerte sich, dass Annika Kuhlmann, städtische Vertreterin und Schriftführerin, ihre Bedenken ausgedrückt habe, ob dies regelkonform ist. Über diese Bedenken sei man jedoch hinweggegangen, so Butte.
Der Magistratsbeschluss beanstandet ausschließlich die Wahl des zweiten Stellvertreters. Grundsätzlich, so Schoeller, sehe die Hessische Gemeindeordnung (HGO) die Wahl eines zweiten Stellvertreters auch in der ersten Sitzung vor, jedoch bedürfe es der fristgerechten Einladung zu dieser Wahl mindestens drei Tage vor deren Durchführung. Demnach wird beanstandet, dass die Drei-Tages-Frist nicht eingehalten wurde, da auf der Einladung nur die Wahl eines (!) Stellvertreters angekündigt wurde.
Es wäre kein Rechtsverstoß eingetreten, wenn der Ortsbeirat die Wahl eines zweiten Stellvertreters in der nachfolgenden Sitzung beschlossen hätte. Dadurch wäre genug Zeit für die fristgerechte Einladung geblieben, die die HGO verlangt.
„Sowas haben wir in unserer Stadt noch nicht gehabt“, sagte Oberbürgermeister Sven Schoeller. Daher habe man eine Stellungnahme des Hessischen Städtetags eingeholt. „Diese machen wir uns zu eigen.“ Thorsten Bork hatte an den Ausführungen des OB nichts zu beanstanden.
Dagegen zeigte der zwischenzeitlich zum zweiten Stellvertreter gewählte Jan Hörmann (CDU) weiterhin Unverständnis ob dieser Rechtsauslegung. „Ich fühle mich weiterhin korrekt gewählt“, sagte er. Denn die Hessische Gemeindeordnung (HGO) sehe in §82 (5) Folgendes vor: „Der Ortsbeirat wählt in seiner ersten Sitzung nach der Wahl aus seiner Mitte einen Vorsitzenden und einen oder mehrere Stellvertreter.“
Hörmann zeigte sich irritiert, dass zunächst sogar die Wahl des ersten Stellvertreters moniert worden war. Dem Ortsbeirat sei nahegelegt worden, auch ihn des Amtes zu entheben. „Hätten wir das getan, hätten wir gar keinen Stellvertreter mehr gehabt.“ Hörmann fügte an: „Wir hätten eine pragmatische Lösung verdient gehabt.“ Schließlich sei es auch in der Vergangenheit nie ein Problem gewesen, einen zweiten Stellvertreter zu wählen, soweit er sich erinnern könne. Jedoch sehe er ein: „Eine Klage beim Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung wäre völlig überzogen gewesen.“
Ortsbeiratsmitglied Sandra Mijatović (Grüne) befürwortete, man solle die Sache nun pragmatisch angehen und in einer der kommenden Sitzungen regelkonform einen zweiten Stellvertreter wählen.
Der bisherige Ortsvorsteher Stephan Amtsberg (Grüne) entschuldigte sich, dass er unwissentlich nicht bereits in der Einladung zur ersten Sitzung die mögliche Wahl eines zweiten Stellvertreters angekündigt hatte.
Letztlich beschloss der Ortsbeirat auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Folgendes: Der Ortsbeirat bittet den Magistrat zu prüfen, wie der in TOP 1 verhandelte Sachverhalts geklärt werden kann. (Anm. d. Red.: Die Formulierung ist sinngemäß, aber nicht der Wortlaut!)
TOP 2: Offenlegung des Bebauungsplanverfahren II – 6 Jägerkaserne/ Ludwig-Mond-Straße
Im zweiten TOP stellten die Fachplaner die Planungen zum Baugebiet „Jägerkaserne I / Ludwig-Mond-Straße“ vor (Quelle Zeichnung: Stadt Kassel). Hierfür war nur eine Viertelstunde eingeplant, was angesichts der Bedeutung des Projekts von allen Anwesenden als zu kurz erachtet wurde.
Das ca. 5,46 Hektar große Plangebiet der ehemaligen Jägerkaserne I befindet sich an der Kreuzung Auestadion und somit am Rand zur Südstadt. Neben dem Kernareal der Jägerkaserne I gehört zum Geltungsbereich des B-Plans auch das südlich zur Frankfurter Straße hin gelegene Flurstück, das im vorderen Bereich ehemals als Parkplatz für das Kinderkrankenhaus Park Schönfeld genutzt wurde.
Die Stadt Kassel hat das Areal der Jägerkaserne I im Jahr 2022 erworben und möchte es in eigener Initiative entwickeln. Das Vorhaben ist nicht neu: Bereits 2012 wurde eine städtebauliche Rahmenplanung für das Gebiet aufgestellt, die nun erweitert und konkretisiert wird.
Den Stadtplanern zufolge ist Ziel und Zweck der Planung, die bereits vorhandene Mischung aus Wohnen und Arbeiten sinnvoll zu ergänzen und eine eigenständige städtebauliche Quartiersentwicklung zu erreichen. Dies soll durch eine stufenweise Privatisierung des Gesamtareals und dadurch zu erwartenden Nutzungsänderungen im Bestand gelingen. Im Mittelpunkt stehe bezahlbarer Wohnraum. Hierzu wurde in einem Konzeptverfahren ein Wettbewerb ausgeschrieben, den die städtische GWG für sich entschieden hat. Es wird, wie bei allen künftigen städtischen Wohnungsbauprojekten, nach dem Erbbaurecht verfahren.
Die historischen, denkmalgeschützten Bestandsgebäude, die für Dienstleistung, Gewerbe und Landesbehörde genutzt werden, sollen so erhalten bzw. erweitert werden, dass sie sich in das neue Wohnumfeld verträglich einpassen. Es entsteht eine Kita und das Gebiet soll mit Wohnhäusern nahverdichtet werden. Insgesamt sollen ca. 240 Wohneinheiten entstehen. Eine winddurchlässige Quartiersgarage, die am Rand des Park Schönfeld entsteht, soll 300 Stellplätze bieten. In den Planungen werden fossile Energieträger zum Heizen ausgeschlossen, ein Anschluss an das städtische Fernwärmenetz, das bislang nicht CO₂-neutral betrieben wird, ist vorgesehen. Zur Kühlung sind Dach- und Fassadenbegrünung angesprochen.
Inmitten der Planungsphase hat die Stadt Kassel Anfang 2024 entschieden, das Interim, den Theaterbau auf Zeit, auf dem Areal der Jägerkaserne I zu bauen, da das Opernhaus am Friedrichsplatz dringend saniert werden muss. Mittels eines Vertrages soll gewährleistet werden, dass das Interim nach zehn Jahren wieder abgebaut wird. Laut Planern ist nach derzeitigem Kenntnisstand nämlich von einer Nutzungsdauer bis zum Jahresende 2036 auszugehen.
Mit dieser veränderten (jedoch zeitlich befristeten) Ausgangssituation und auf Basis der erarbeiteten städtebaulichen Ergebnisse soll nun das Planungsrecht geschaffen werden. Eine entsprechende Vorlage hierzu liegt vor. (Quelle: Stadt Kassel)
Die Offenlage des B-Plans ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen. Dann werden Öffentlichkeit und Ortsbeirat Möglichkeit zur Einsicht und Kommentierung haben. Der Ortsbeirat nahm die Vorstellung der Planung einstimmig zustimmend zur Kenntnis.
TOP 3: Bericht aus der Geflüchtetenunterkunft am Auestadion
Fabian Geitz, Caritas-Mitarbeiter in der Geflüchtetenunterkunft am Auestadion in der Jägerkaserne, stellte seine Unterkunft dem Ortsbeirat vor. Auf Vorschlag von Ortsvorsteherin Madlen Freudenberg (Grüne) soll der Ortsbeirat Wehlheiden abwechselnd an verschiedenen Orten im Stadtteil mit seinen Sitzungen gastieren. Die anwesenden Ortsbeiratsmitglieder bedankten sich für die Gastfreundschaft. Ihnen und den Gästen wurde ein üppiges Buffet mit Snacks und Getränken geboten.
Die Unterkunft biete 140 Geflüchteten Platz. Derzeit sei sie mit rund 100 Personen belegt, also circa zu 70 Prozent ausgelastet. Überwiegend seien Familien untergebracht. 80 Prozent der Bewohner seien ukrainischer Nationalität. Jedoch seien auch Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Staaten hier heimisch. Die Hälfte der Bewohner sei minderjährig. Als Hauptgrund für die Unterbringung nannte Geitz den angespannten Wohnungsmarkt, der es den Bewohnern nicht erlaube, eine reguläre Wohnung zu beziehen. Die komplette Unterkunft werde von zwei Hauptamtlichen sowie einem Hausmeister geführt.
TOP 4: Grabungsbericht Georg-Stock-Platz
Der Georg-Stock-Platz soll schon bald bebaut werden. Doch womöglich befinden sich noch historische Zeugnisse unter seiner Erddecke. Dies herauszufinden, machte sich Ende 2025 eine archäologische Untersuchung zur Aufgabe. Über die Ergebnisse dieser Grabung berichtete Bezirksarchäologin Dr. Franka Schwellnus.
Auf alten Karten habe man an der Stelle des heutigen Georg-Stock-Platzes eine Kirche lokalisiert. Auch eine alte Ansichtskarte erhärtete diese Vermutung. Jedoch sei die Kirche wahrscheinlich schon vor 1878 abgebrochen worden, berichtete Schwellnus. Doch unbegründet sei die Vermutung einer Kirche nicht gewesen. 1936 habe man Skelette an dieser Stelle gefunden, wie aus Zeitungsberichten hervorgeht. Dies sei ein starkes Indiz für einen Friedhof, der in der Regel um eine Kirche herum errichtet wird.

Doch in Sachen Kirche sei bei der Grabung kaum Erhellendes zutage getreten. Stattdessen: Viel Bauschutt, der von der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg übrig geblieben ist und zu großem Teil gar nicht von dieser Stelle stammt, sondern auch von anderen Stellen herangekarrt wurde, wie es gängige Praxis war. Im Kriegsschutt habe man einen menschlichen Unterkiefer gefunden, der aber nicht identifiziert werden konnte. Sonst: lauter Alltagsgegenstände aus dem 19. Jahrhundert, wie etwa ein Bügeleisen.
Spannender dagegen: Hinweise auf eine Besiedelung Wehlheidens im Mittelalter und zur Eisenzeit (ca. 800–15 v. Chr.). Diese könnten im Zusammenhang mit dem Gräberfeld in der Esmarchstraße stehen. Hierauf deuten Erdbefunde hin: Es wurden Gruben zur Abfallentsorgung und Lagerung gefunden.
Wer mehr dazu erfahren will: Laut Dr. Franka Schwellnus ist für Herbst 2027 ein Aufsatz im Jahrbuch hessenARCHÄOLOGIE geplant. Hier findet sich eine Übersicht der vergangenen Publikationen.
TOP 5: Dispositionsmittel
Ex-Ortsvorsteher Norbert Sprafke (SPD, nicht mehr Mitglied des Ortsbeirats) erinnerte an die jährlich anfallende Versicherung für die Werbesäule am Wehlheider Platz bzw. Ecke Friedenstraße/Kirchweg. 300 Euro koste es jährlich, das nicht fest im Bode verankerte Gebilde zu versichern. Es könnte etwa bei Unwetter umfallen und Menschen verletzen oder Gegenstände beschädigen. Die Stadt Kassel trage die Versicherungskosten nicht. Diese Kosten sollten daher aus den Dispositionsmitteln beglichen werden. Es sei ein leidiges Spiel, bemängelte Sprafke, dieses Thema jedes Jahr im Ortsbeirat vorzutragen. Vielleicht finde sich ja eine dauerhafte Lösung? Schließlich sei die Säule ohnehin in einem erbarmungswürdigen Zustand. Und: Im Zuge des Umbaus des Wehlheider Platzes sei eine Verlegung des von Heinrich Brummack geschaffenen Kochtopf-Brunnens vorgesehen. Die Säule ergänzt das Kunstwerk, da zuvor Wildplakatierer an den direkt am Kochtopf platzierten Säulen ihre Botschaften hinterließen. Dies sollte durch die Anschlagssäule verhindert werden.

Mitteilungen
Die Gedenktafel für die 78 ermordeten italienischen Zwangsarbeiter wird am Freitag, 4. September 2026, ab 15.30 Uhr auf dem Wehlheider Friedhof eingeweiht. Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) wird der Zeremonie beiwohnen.
Sandra Mijatović (Grüne) bemängelte, dass offizielle Termine auch in der Vergangenheit oft zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten stattfanden. Es sei zu überlegen, ob dies bei künftigen Terminen berücksichtigt werden kann, sie also am Wochenende oder abends stattfinden können.
Das neue Gebäude der Wichert-Realschule wird am Donnerstag, 10. September 2026, feierlich eingeweiht.
Die nächste Sitzung des Ortsbeirats Wehlheiden findet am Donnerstag, 17. September 2026, statt.
Die Sitzung endete um 21.16 Uhr.
