
Einmal im Jahr etwas Lärm. Das SOLÅ, Festival für elektronische Musik, auf der Karlswiese vor der Orangerie ist ein Höhepunkt im Kulturprogramm der Stadt Kassel, der sich vorrangig an ein jüngeres Publikum richtet. Doch warum rüttelt es mich auch in diesem Jahr nicht vom Hocker?
Kassel – Im Grunde bin ich beim SOLÅ von Anfang an dabei – obwohl: nicht ganz. Das Ticket für die erste Auflage des Technofestivals in meiner Heimatstadt am Sonntag, 5. Juni 2022 (HNA-Bericht), hatte ich gekauft, doch aufgrund der Jahreshauptversammlung meiner Gewerkschaft in Frankfurt am Main am selben Tag musste ich es abtreten. Dabei tut es mir Paul Kalkbrenner, der damals Headliner war, seit meiner frühen Jugend an, wenngleich vor allem seine früheren Sachen.
Jedenfalls war das erste Technofestival auf der Karlsweise kein so großer Flop, sonst wäre die Veranstaltung nicht im Folgejahr wieder nach Kassel zurückgekehrt (HNA-Bericht). Im Mai 2024 wurde dann zusätzlich die Wiese zwischen Herkules und Besucherzentrum zum Rave-Gelände. Doch schnell offenbarte sich die schwierige Balance zwischen lautem Musikgenuss sowie Schall- und Umweltschutz. Im Vorhinein stand die Veranstaltung in der Lokalpresse derart in der Kritik (HNA-Bericht), dass eine Absage wahrscheinlich schien. Der Nabu hatte angemahnt, dass zumindest Schallgrenzwerte eingehalten werden müssen. Denn: Lauter Techno verträgt sich kaum mit der Vogelbrutzeit.
Herkules-Rave bleibt in Erinnerung
Dennoch bleibt das Event am Herkules vielen in Erinnerung (HNA-Bericht). Mit dem Bus-Shuttle ging es vom Bahnhof Wilhelmshöhe über die Ehlener Straße zum Herkules. Eine beachtliche logistische Leistung. Angekommen mitten in der Natur bei bestem Sonnenschein und vor der Kulisse des Welterbes.
Weniger schön: Außer beim Auftritt von I Hate Models war die Musik derart leise, dass ich mich wunderte, ob die Anlage beschädigt wäre. War sie natürlich nicht, aber mit Absicht deutlich heruntergeregelt, dass es jedem unschwer auffiel. Die Stimmung war futsch. Viele waren plötzlich mehr in ihre Smartphones und Gespräche vertieft als in ekstatischen Tanz beim Rave.
Wer Techno will, dem sind weniger als 90dbA einfach zu wenig. Zum Vergleich: Auch in Kasseler Technoclubs wird in der Regel deutlich mehr als 95 dB(A) gespielt. Die Spitzen (Peaks) liegen zum Teil über 100 dB(A). Erst bei dieser Lautstärke, die bei ausgedehntem Hören durchaus das Gehör schädigen kann, spürt sich Bass treibend an. Erst dann fühlt man sich wirklich mitgenommen von der Musik, die vom schnellen Rhythmus und hoher Dynamik lebt.
Für VIP-DJs geht der Pegel hoch
Nun ist es aber so: Keine Veranstaltung kommt ohne Auflagen aus. Im Weltkulturerbe und am Rand eines Naturschutzgebiets sind sie besonders streng. Niemand will Strafzahlungen blechen, wenn die Grenzwerte übertroffen werden. Niemand die Wiederauflage eines Events gefährden.
Und hier kommt der Trick: Statt durchgängig die Richtwerte einzuhalten, wird bei besonders prominenten Acts, für die das Publikum gekommen ist, der Richtwert überschritten. Der Rest des Line-ups muss dann jedoch deutlich leiser spielen. Warum? Weil am Ende ein Durchschnittswert entscheidet, ob die Grenzwerte eingehalten werden. Permanent wird die Lautstärke gemessen und protokolliert. Danach entscheidet RMS statt db(A). RMS (Root Mean Square) misst den durchschnittlichen Pegel eines Audiosignals über einen bestimmten Zeitraum. Solange die Lautstärke im Durchschnitt unter den Grenzwerten liegt, ist alles okay. Denn: Die Veranstaltungsbranche macht sich nicht erst seit gestern sowohl um Zuschauer- als auch Anwohnerschutz einige Gedanken.
Diese Vorsicht hat sich auch bei der jüngsten Ausgabe des SOLÅ am Samstag, 29. August 2026 (HNA-Bericht), gezeigt. Fast über die gesamte Veranstaltung hinweg, von 12 bis 22 Uhr, war die Musik – gerade etwas weiter weg von der Bühne – so leise, dass man sich gepflegt unterhalten konnte, aber keine Tanzstimmung aufkam. Erst als Hauptact Novah gegen 20.45 Uhr ihr Set begann, wurde es schlagartig lauter – wie es Raver sonst in jedem Club von Beginn an gewohnt sind.

Wucherpreise vor schicker Kulisse
Ein Technoevent mit zu leiser Musik: Was kann das überhaupt? Nun ja, die Location ist schon eine Augenweide. In diesem Jahr spielte auch das Wetter größtenteils mit. Ein sonniger Tag mit Schönwetterwolken. Erst ab etwa 19.30 Uhr tröpfelte es etwa. Aber kein Vergleich zum Gewitter bei der ersten Ausgabe 2022, als Paul Kalkbrenner im strömenden Regen sein Set beendete. Das Wetter war diesmal kein Stimmungskiller. Im Gegenteil!
Denn ohne immense Hitze, bei etwa 23 Grad, lässt es sich eigentlich angenehm tanzen, ohne dass man zu sehr schwitzt. Wiederum nicht gut für den Getränkeverkauf, der schließlich stark zum Gewinn des Events beiträgt. Und ja, hier nehme ich kein Blatt vor den Mund: Die Preise waren Wucher. 4,90 Euro plus 2 Euro Pfand für ein stilles Wasser aus dem Tetrapack. Geht’s noch? Ich habe, um meine Körperfunktionen zu erhalten, allein knapp 25 Euro für Wasser ausgegeben. Zweieinhalb Liter, die es sonst für nicht mal 50 Cent beim Discounter gibt.
Ja, es ist dreist, dass diese Politik auch in den vergangenen Jahren schon dazugehörte. Vor zwei Jahren sollen, laut Schilderungen von Bekannten, einige Raver in der prallen Sonne kollabiert sein. Bei solchen Preisen für nichtalkoholische Getränke kein Wunder. Aber auch beim Alkohol skandalöse Preise: 5,90 Euro plus Pfand für ein 0,3-Liter-Pils. Ja, warum gehe ich überhaupt dahin? Ich wusste es doch!
Alle hin, denn es ist halt ein Event
Genau diese Frage stelle ich mir tatsächlich. Warum tue ich mir sowas an? Bei eher unterdurchschnittlichem Musikgenuss, bei horrenden Getränke- und Essenspreisen? Na klar: wegen des Events! Alle sind da, also „muss“ ich auch da sein. Ich will ja nichts verpassen, auch wenn es am Ende den Preis nicht im Ansatz wert ist. 33 Euro für die Karte im Vorverkauf und fast 100 Euro für Essen und Getränke. Verrückt und außerordentlich entrückt!
Gerade im Vergleich zu anderen Techno-Events: Erst kürzlich fand das lokale Puls-Festival in Burghasungen an der Waldbühne statt. Ähnlicher Eintrittspreis, aber über drei Tage. Und auch sonst durchweg zivile Preise. 0,5-Liter-Wasser für einen Euro. Bier für drei Euro. Weniger Kommerz, dafür deutlich mehr Fingerspitzengefühl bei der Auswahl des Line-ups, das nicht nur aus Locals bestand, sondern auch mit national anerkannten Artists glänzen konnte.
Doch mit einem Festival im Grünen, von Leuten auf die Beine gestellt, die sich an eine vorhandene Szene richten, kann man halt nicht im Ansatz soviel erwirtschaften wie mit einem Event für jedermann vor pittoresker Kulisse.
Warum darf Wasser 4,90 Euro kosten?
Dennoch stellen sich Fragen: Warum in aller Welt darf man auf einem Event einen halben Liter Wasser für 4,90 Euro verkaufen? Warum zum Teufel darf nicht einmal im Jahr der Lautstärkepegel so sein, wie es ein Rave auch mitten in der Stadt verdient hätte?
Für mich habe ich die Konsequenz gezogen: SOLÅ? Nicht mehr. Nach fünf Jahren ist Schluss! Die Aftershow-Party im Graf Karl? Ja, durchaus mal wieder. Denn hier spielten auch diesmal ausschließlich Locals. Eine Wiederholung aus dem Vorjahr, als die Kasseler DJ Alina Maibach das Opening gestaltete, gab es beim SOLÅ dagegen nicht. Dafür allerhand Tonaussetzer im Set von Pauls Bruder Fritz Kalkbrenner.

Ich gehe absolut mit der Meinung mit ! Schade eigentlich 🙁 …
Danke für den Kommentar <3
Am Ende profitieren vor allem Investoren von den hohen Eintritts- und Getränkepreisen. Die AC2B GmbH, der Sola-Veranstalter aus Würzburg, wurde dieses Jahr zu 90 Prozent von einer Private-Equity-Firma aus Luxemburg geschluckt, die ihr Investment natürlich wieder einfahren möchte.
Es wirft aber auch kein gutes Licht auf Hessen Kassel Heritage (ehemals Museumslandschaft Hessen-Kassel). Die verpachten die Karlswiese ja an das Sola-Festival. Dann sollten sie auch im Interesse der Kasseler Raver Auflagen machen, nicht nur beim Schallschutz.