
Bezahlbare Mieten und lebenswerte Stadträume: Die Linke in Kassel hat ihr Thema für die Kommunalwahl 2026 gefunden. Was das konkret bedeutet, darüber diskutierten die Parteimitglieder am Samstag, 6. September 2025, mit interessierten Gästen bei ihrer Aktionskonferenz Wohnen. Leben. Bleiben.
Kassel – Nachdem Die Linke schon bei der Bundestagswahl mit dem Thema Wohnen punkten konnte, will auch die Kasseler Rathaus-Fraktion mit der gleichen Taktik den Erfolg wiederholen. Diesmal bei den Kommunalwahlen in Hessen, die am Sonntag, 15. März 2026, stattfinden.
Zur Erinnerung: Auf Bundesebene holte Die Linke 8,8 Prozent der Zweitstimmen, nachdem nur wenige Monate zuvor das Erreichen der 5-Prozent-Hürde fraglich erschien. Die Spitzenkandidaten Jan van Aken und Heidi Reichinnek überzeugten sowohl charakterlich als auch mit ihrer Themensetzung. Bezahlbares Wohnen, erreichbar durch einen Mietendeckel, war ein Topthema im Wahlkampf gewesen.
Bereits im vergangenen Winter hatte auch die Kasseler Linksfraktion bei einem kommunalpolitischen Forum das Thema Wohnen als Zugpferd ausgemacht. Folgerichtig kam man nun im Stadtteilzentrum Wesertor zusammen, um gemeinsam mit der Öffentlichkeit auszuarbeiten, welche Aspekte beim Wohnen in Kassel besonders wichtig sind.
Der Gast aus Berlin
Kassel ist zumindest laut bisherigem Mietspiegel kein angespannter Wohnungsmarkt. Neuere Zahlen liegen bislang nicht vor und daher ist nicht klar, ob sich an der Einstufung etwas ändert. Eine Stadt, die seit 2021 auch Rechts wegen mit einem solchen angespannten Markt zu tun hat, ist dagegen Berlin. Wer beruflich dorthin ziehen muss, bekommt es nicht selten mit absurd langen Schlangen bei Wohnungs-Castings zu tun, die schon im Netz viral gegangen sind. Wohnen als Privileg. Dem stellt sich Die Linke entgegen.
Eine, die aus erster Hand aus Berlin berichten kann, ist Katalin Gennburg. Die 41-Jährige aus dem Wahlkreis Berlin-Marzahn – Hellersdorf ist seit diesem Jahr Abgeordnete im Bundestag, in den sie über die Berliner Landesliste einzog. Zuvor war sie von 2016 bis 2025 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Bei der Aktionskonferenz im Stadtteilzentrum Wesertor hielt sie einen Vortrag über feministische Stadtpolitik.
Bereits seit über 15 Jahren kämpfe sie dafür, das Thema Wohnen in den Mittelpunkt linker Politik zu setzen, erklärte sie. Denn es sei ein gutes Thema, um Ausbeutung deutlich zu machen. Die Stadt – im Allgemeinen gesprochen – ist laut der Linkenpolitikerin nämlich von einem kapitalistischen Verwertungsteppich überdeckt. „Freie Fahrt gibt es nur für Autos, Investoren und die Wirtschaftslobby.“ Für alle anderen bleibe keine Luft zum Atmen.
Es braucht Gemeinschaftsorte
Was es dagegen brauche, seien Gemeinschaftsorte, wie es sie in der früheren DDR zuhauf gegeben habe, die jedoch durch die Ausverkäufe nach der Wende verloren gegangen seien. Darunter befanden sich laut Gennburg auch Arztzentren. Sie, die in Ostberlin wohnt, habe dagegen heute Schwierigkeiten, einen Termin beim Facharzt zu bekommen, weil sich die Ärzte lieber im reichen Westen der Stadt niederlassen, wo die Privatpatienten leben.
Die Städte begreift Gennburg als Ergebnis der Eigentumspolitik, die im Grundgesetz verankert ist. Zwar werde in beträchtlichem Maße in Deutschland enteignet. Doch dann meist für Parkplätze und Autobahnen und nicht für Gemeinschaftsorte. Stichwort autogerechte Stadt: Katalin Gennburg findet, dass es stattdessen eine sorgende Stadt benötigt, weshalb sie von feministischer Stadtpolitik spricht, weil traditionell vor allem weiblich gelesene Personen Sorgearbeit verrichten.
Die bisherigen Strukturen seien dagegen bestimmt durch das Patriarchat. Gennburg macht das deutlich an der HBO-Serie Mad Men, in der der Protagonist Don Draper, ein Werbefachmann, jeden Wochentag von der Vorstadt ins Stadtzentrum pendelt. Zunächst mit der Stadtbahn und mit steigendem Erfolg und Wohlstand im schicken Cadillac. Währenddessen kümmert sich die Frau um Haushalt und Kinder – allein und getrennt von der Außenwelt durch den Zaun, der das Grundstück von den anderen gleich aussehenden Häusern abgrenzt.
Begegnungsorte in der Nachbarschaft? Fehlanzeige. Noch heute sei die Stadt befreit von sozialen Versorgungsstrukturen. Orte zur Begegnung fehlen, es reiht sich Privathaus an Privathaus. Doch muss man sich mit dieser Fehlplanung aus dem 20. Jahrhundert zufriedengeben?
Kleingartensiedlungen bewahren
Gottgegeben sei diese Situation nicht. Doch offenbar würden auch heute noch viele Politiker an dem Prinzip hängen, dass Häuser nur zum Verkauf gebaut werden. Der soziale Mehrwert stehe hintan, bedauerte Gennburg.
Dabei habe es auch schon im 19. Jahrhundert vorbildliche Stadtentwicklung gegeben, so Gennburg. Als Beispiel nennt sie die Kleingärten als Orte der Subsistenz. „Hier können die Menschen selbstbestimmt Nahrung produzieren.“ Für die Linkenpolitikerin ist das Ausdruck einer unregulierten Teilhabe am Wirtschaftsleben. Noch heute gelten die Kleingärten als grüne Lungen der Städte. „Ich empfehle, die Kleingärten-Frage ganz oben auf die Agenda zu stellen“, bekräftige der Gast aus Berlin.
Fürs gute Leben für alle brauche es vor allem auch Räume für alle. „Es gibt kein Recht auf Leerstand“, sagte die Bundestagsabgeordnete. In Treptow habe man daher ein leerstehendes Shopping-Zentrum zu einem Sorge-Zentrum umgewandelt. So werde Pflege sichtbar, die sonst im Privaten versteckt ist.
Sie appellierte an die Gäste und Parteimitglieder, Orte zu schaffen, die die Nachbarschaften zusammenhalten. „Was fehlt euch?“, fragte sie. Wenn man diese Frage einmal beantwortet habe, müsse man es auf eine höhere Ebene heben, statt mit sich selbst im Kleinen auszumachen. Ansatzpunkt seien hier vor allem Genossenschaften.
Pinkeln darf nichts kosten
Mit der Notdurft Geld zu verdienen, findet Gennburg unredlich. Die Privatisierung von Grundbedürfnissen gehöre daher abgeschafft. „Wir müssen die Monopole von Sanifair und Co. brechen“, sagte sie. Stattdessen brauche es kostenlose öffentliche Toiletten für alle. Dies umzusetzen, sieht sie als Aufgabe der kommunalen Verwaltung, die diesen Bereich jedoch in der Vergangenheit vielerorts lieber an private Konzerne vergeben habe, die wie die Wall GmbH in Berlin mit Außenwerbung Geld verdienen. Deshalb forderte Gennburg: „Wir müssen Außenwerbung verbieten.“ So könne man sich den öffentlichen Raum Stück für Stück zurückholen.
An den Vortrag schloss sich eine Vorstellungsrunde von Initiativen an, die sich um Wohnfragen in Kassel drehen. Mit dabei: der Mieterbund, die Initiative Zierenberger Straße, die Mieterinitiative Rembrandt-Straße, der BUND Kassel, das Heilhaus, die Initiative zum Erhalt des Jugendzentrums Wehlheiden, der Gewächshaus e. V., die studentische Initiative zur Erforschung des Leerstands in Kassel, das Interessenskollektiv Mobiles Wohnen, die Kältebus-Initiative, die Initiative zum gemeinschaftlichen Wohnen sowie der Gedenkort Königstor.
Die Forderungen der Linksfraktion Kassel und der Partei Die Linke zur Aktionskonferenz am 6. September 2025 finden sich im folgenden Flugblatt:

















