
Ungewohnte Klänge gepaart mit expressiver Zeichenkunst: Das war der erste Teil der Veranstaltungsreihe Vera Sonora in Kassel. Ins Leben gerufen hat sie der Kunststudent Filippo Janez Bertoni. ZERO VIEWS hat sich mit dem 23 Jahre alten Austauschstudenten aus Bologna über sein Projekt unterhalten.
Kassel – Die Zeit in Kassel neigt sich für Filippo Janez Bertoni dem Ende entgegen. Seit April 2025 hat er an der Kunsthochschule Kassel im Rahmen eines Erasmus-Aufenthalts Bildende Kunst studiert, Mitte Februar 2026 geht es wieder zurück in seine Heimat nach Bologna. Der 23-Jährige selbst verortet sich in den Bereichen Mixed Media und Curational Practices. Während seines Aufenthalts in Kassel hat Bertoni mehrere Veranstaltungen unter dem Label Vera Sonora auf die Beine gestellt. Dabei verschmelzen Soundexperimente – mal auf akustischen Instrumenten, mal gespielt von DJs – sowie ausdrucksstarke Mal- und Zeichenkunst. ZERO VIEWS hatte die Gelegenheit, mit Bertoni zum Abschluss seiner Zeit in Kassel ein Gespräch zu führen.
ZERO VIEWS: Hallo Filippo! Wir begegnen uns heute nicht zum ersten Mal, dennoch habe ich bereits in unserem Vorgespräch (YouTube, 19 Minuten) einiges über dich erfahren, das ich noch nicht wusste. Ursprünglich haben wir uns durch Vera Sonora kennengelernt. Das ist ein Projekt, das du gegründet hast. Kannst du mir noch mal sagen, wie man das auf Deutsch übersetzen könnte?
Filippo Janez Bertoni: Ja, klar. Also ich habe es lustigerweise mit „sehr laut“ übersetzt.
Als ich bei den Performances dabei war, klang es überhaupt nicht laut. Es hat eher spielerisch und bunt auf mich gewirkt. Alle, die dabei waren, hatten eine angenehme Zeit zusammen. Warum hast du dich trotzdem für diesen Namen entschieden?
Ja, „sehr laut“ ist natürlich eine alberne Übersetzung ins Deutsche. Wohl weißlich ist das missverständlich übersetzt. Die richtige Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische wäre „true sound“ (wahrhaftiger Klang). Das ist natürlich eine viel wortgewandtere Übersetzung. Warum ich dennoch gerne von „sehr laut“ spreche? Das bringt einfach hervorragend die punkige und anarchische Seite des Projekts zum Ausdruck. Denn obwohl das Projekt eher konzeptionell angelegt ist, verschafft es sich lautstark Geltung.
Den Lesern von ZERO VIEWS ist, ohne dabeigewesen zu sein, wohl nicht geläufig, was Vera Sonora ausgezeichnet hat. Wie würdest du das Projekt und die damit verbundenen Aufführungen beschreiben? Wie ist daraus etwas Besonderes entstanden?
Es freut mich, dass du sagst, es sei etwas Besonderes gewesen.

Ich finde, dass es alles andere als gewöhnlich gewesen ist. Wann sieht man schon mal wie wild auf ein Blatt Papier malende Menschen, die quasi von verrückten Klängen angetrieben werden? Wie kommt man darauf?
Mir fällt da eine witzige Bezeichnung ein, die mir vor einiger Zeit in den Sinn gekommen ist, unabhängig von Vera Sonora. Man sollte sie nicht zu ernst nehmen: Neo New No Wave. Nicht als Musikgenre, sondern um auszudrücken, wie viel Ironie darin steckt, heute noch nach neuen Bezeichnungen oder Genres zu suchen. Das ist einfach nicht das, worum es gehen sollte in unserer heutigen Zeit. Wir verstehen die Welt zwar immer besser, aber gleichzeitig zerstören wir sie und damit unsere Lebensgrundlagen. Originalität sollten wir daher für mein Empfinden aus dem Fenster werfen. Die ist unter diesen Umständen einfach nicht mehr wichtig. Vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb du die Aufführungen als etwas Besonderes wahrgenommen hast.
Für mich waren die Aufführungen eine große Überraschung. Normalerweise besuche ich in Kassel so gut wie keine Aufführungen. Ich gehe selten ins Theater oder zu Tanzveranstaltungen. Aber Vera Sonora war weder das eine noch das andere. Dadurch, dass es so undefinierbar war, war es besonders. Hier habe ich Menschen zugesehen, die absurde Dinge vor einem Publikum aufgeführt haben, das zuerst einmal perplex war, aber auch keine besondere Abneigung oder Überforderung gezeigt hat. Das hat die Aufführungen für mich besonders gemacht. Würdest du sagen, dass es eure Absicht war, auf naive Weise die Kunst ins Lächerliche zu ziehen oder steckt in Wirklichkeit ein ernster Kern dahinter?
Das Publikum ist aufgefordert, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ich lehne es jedoch ab, Vera Sonora begrifflich zu definieren. Eine Definition, die ich zulassen würde, wäre: Vera Sonora ist eine Maske, die sich jeder aufsetzen darf. Das heißt, dass sich auch das Publikum diese Maske aufsetzen darf. Für mich ist Vera Sonora das Gegenteil von naiv. Aber, wie schon gesagt, das ist sehr subjektiv.
Ich wollte dich, ehrlich gesagt, nur mit meiner Feststellung provozieren, dass Vera Sonora doch sehr naiv und absurd daherkommt. Du betonst es ja: Jeder kann daran teilhaben, ohne Fachkenntnisse oder Vorwissen. Es ist für alle gemacht. Das erinnert mich stark daran, was du gesagt hast, als wir uns zum ersten Mal an der Kunsthochschule getroffen haben: Das sei eine Veranstaltung ohne Label.
Das, was du gesehen hast, haben kreative Leute auf freiwilliger Basis aufgeführt. Aber genau genommen waren das ganz einfach Leute, die sich ausgedrückt haben. Das kann jeder. Es kommt nur auf den einzelnen Menschen an und auf seine Persönlichkeit, die er mit einbringt. Ich würde sogar so weit gehen, dass selbst die Persönlichkeit nicht wichtig ist. Es reicht schon aus, wenn zur Persönlichkeit gehört, dass man auf nicht-egoistische Weise Teil eines Ganzen werden möchte. Wie ich dir im Vorgespräch gesagt habe: Nicht zu sein, ist mein Fokus. Wenn jemand eine eigene Idee für eine kommende Veranstaltung von Vera Sonora hat, dann kann er sich damit ohne große Hürden einbringen.
Trotzdem gab es am Ende eine Veranstaltung, die man sich ansehen konnte und an der man teilhaben konnte. Ganz ohne Anstrengung wäre das ja nicht gegangen, oder? Jeder wusste doch, welchen Teil er übernimmt. Also muss da doch am Ende mehr dahinter stecken als ein Haufen von Menschen, die nicht sie selbst sind, oder etwa nicht?
Was meinst du damit?
Ich würde behaupten, dass es ohne eine Persönlichkeit nicht geht. Irgendjemand muss die Leute zusammenbringen. Ja, ich denke, dass du diese Person bist. Ich muss aber auch an Giulia Zini denken, deren Nachricht, dass sie jemanden sucht, der das Live-Bild einer Kamera an eine Wand projizieren kann, überhaupt dazu geführt hat, dass ich bei euren Veranstaltungen dabei war. Im Grunde bist du doch so etwas wie ein Magnet, der Leute anzieht und sie miteinander verknüpft. Dabei bist du aber nicht derjenige, der allen die Vorschriften macht. Und auch nicht derjenige, der die Verantwortung allein trägt. Könnte man dich mit einem Filmregisseur vergleichen? Einem nicht allzu eitlen Filmregisseur?
Mit dem Label Regisseur kann ich leben, sofern dabei der Aspekt der geteilten Verantwortung berücksichtigt wird. Bei meiner kuratorischen Praxis geht es ja darum, dass man Künstlern eine Bühne gibt, die sie dann eigenständig bewohnen. Vielen Dank, dass du mich mit einem Magneten vergleichst. Das schmeichelt mir.
Mir ist der Begriff Magnet sympathisch gewesen, als ich über dich nachgedacht habe. Ein Magnet kann auf Leute zugehen, aber er braucht sich ihnen nicht aufdrängen, sondern die Leute kommen wie von selbst auf ihn zu. Du brauchst niemanden in deinem Auto abholen, sondern die Leute kommen von selbst zu dir. Auch wenn du die Leute anziehst, würde ich nicht sagen, dass du ihnen den Weg einengst und ihnen zu viele Vorgaben machst. Als ich die Kameraarbeit übernommen habe, hast du mir zwar hin und wieder einen Hinweis gegeben, aber ich hatte das Gefühl, freiwillig und selbstbestimmt arbeiten zu können. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass du die Fäden zusammengehalten hast, ohne wie ein Betriebswirt das Ergebnis vorzugeben.
Ich habe zwei Sachen dazu zu sagen. Zum einen bedeutet es mir viel, dass du gesagt hast, dass du es freiwillig gemacht hast. Denn natürlich möchte ich niemanden zwingen oder auf ihn Drück ausüben, daran teilzunehmen. Das Wichtigste für mich ist dagegen Verantwortungsübernahme. Ich begreife mich nicht als Zentrum. Da passt der Magnet dann schon wieder nicht so richtig ins Bild. Man müsste eher von ganz vielen Kreisen sprechen, die sich überlappen. Jemand, der ins Projekt kommt, muss bereit sein, Verantwortung für seinen Aufgabenbereich zu übernehmen. In unserem Fall gab es unterschiedliche Verantwortlichkeiten, etwa für die Zeichnungen, fürs Video, für die Musik, für Fotos und so weiter. Wenn jemand nicht die Möglichkeit gehabt hätte, sein volles Potenzial auszuschöpfen, wäre das mein – oder unser – Fehler gewesen, weil wir ihm keine angemessene Anleitung gegeben hätten. Viel wichtiger ist es aber ohnehin, dass dir die Aufgabe Freude bereitet hat. Das ist für uns Menschen doch das Wichtigste.
Zweitens: Ich will mich nicht gegen die Kunstakademien dieser Welt stellen. Aber, dass die jungen Menschen, die solche Akademien besuchen, offener und kreativer sind, wie du angedeutet hast, das hat mit den Akademien an sich nichts zu tun. Es liegt vorrangig an den Menschen, die für sich entscheiden, dort ein Studium zu beginnen. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass man an den Akademien nichts beigebracht bekommt. Jedoch ist mein Eindruck, dass Menschen, die kreativ sein wollen, auch kreativ sein können, ohne an einer Kunstakademie zu studieren.
Ist die Zahl der Menschen, die dort studieren, dann nicht trotzdem in gewisser Weise beschränkt, weil sie die künstlerische Eignung mitbringen?
Ich würde vor allem sagen, dass man sehr privilegiert sein muss, um überhaupt an einer Kunstakademie studieren oder um generell ein Studium aufnehmen zu können. Finanziell privilegiert. Das ist für viele Menschen schon einmal eine Riesenhürde. „Kunst“ ist eigentlich nur ein Wort, dabei ist ja alles, was uns umgibt, Schöpfung, wurde also von Menschen erschaffen. So gesehen ist niemand erwählt, kreativ zu sein. Im Gegenteil: Eigentlich ist jeder in seiner eigenen Akademie der Lebenserfahrung, in der er etwas erschafft. Jemand, der Wirtschaftswissenschaften studiert, der begreift das als seine Kunst. Ich sehe uns nicht als Elitekünstler, sondern eher als Gruppe von Menschen, die für sich den Entschluss gefasst hat, an einer Kunstakademie studieren zu wollen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Welt zerstört, während sie gleichzeitig immer mehr über sich weiß. Im Endeffekt ist das wohl das Gemeinsame, was diese Menschen zu einer Gruppe formt. Aber keinesfalls würde ich diese Gruppe vom Rest der Gesellschaft abkoppeln. Sie sind ebenso Teil davon wie alle anderen.
Puh, das war jetzt doch ganz schön philosophisch, wie ich finde. Dabei wollten wir damit doch gar nicht anfangen. Klar, mit Philosophie als Wissenschaft hat das nichts gemein. Dennoch haben wir jetzt viel darüber gesprochen, was deine Beweggründe waren und was du dir dabei gedacht hast. Weniger haben wir bislang über die Form, also das von außen Sichtbare, gesprochen. Machen der Klang und das Äußere Vera Sonora nicht auch zu dem, was man damit verbindet?
Also du meinst, wie Vera Sonora am Ende zu dem geworden ist, was man damit verbindet?
Ja, wolltest du am Ende ein bestimmtes Resultat erzielen? Oder war da am Anfang nur ein weißes Blatt Papier, sodass du am Ende glücklich sein konntest, dass sich daraus etwas entwickelt hat?
Statt Papier würde ich eher von einem offenen Feld sprechen. Ich konnte ja nur mit den Menschen zusammenarbeiten, die mit dem Projekt im Laufe der Zeit in Berührung gekommen sind. Ihre einzige Verantwortung war, dass sie sich künstlerisch ausdrücken. Auch wenn das klischeehaft klingt: Die Bedeutung ist der Prozess selbst. Die Bedeutung ist, dass man an einem Ort zusammenkommt und zusammen etwas macht. Das war mein Ziel. Wie ich schon erklärt habe, trägt jeder der Beteiligten eine Verantwortung. Kunst ist nichts Verschlossenes, sondern für jeden zugänglich. Es hängt also nicht von mir ab, was am Ende das Resultat ist. Es hängt von jedem ab, der teilnimmt. Im Grunde bin ich nur derjenige, der die ersten Stücke zusammensetzt.

Okay, und bis auf diese Geisteshaltung gab es keine Vorgaben?
Nicht ganz! Wenn wir schon dabei sind, würde ich dir noch meine derzeitige technische Beschreibung von Vera Sonora auf Englisch vorlesen: „Vera Sonora is a curatorial platform, that functions as a relational tool, activated through collective happenings and shared practices.“
Puh, das klingt ganz schön hochtrabend.
Findest du? Für mich ist das eine tiefgründige Art auszudrücken, dass Vera Sonora eine Möglichkeit ist, Menschen zusammenzubringen.
Also begreifst du Vera Sonora als Plattform?
Ja, richtig. Es ist eine Plattform. Denn jeder kann sie besteigen und tun, was immer ihm passt. Das Ziel ist nicht mal zu sagen: Lasst uns Kunst machen. Es geht vielmehr darum, echte Menschen zu treffen, mit echten Ideen und echten Körpern.
Und glaubst du, dass Menschen heute von Events angezogen werden? Kommen sie sonst nicht mehr zusammen? Brauchen sie das Besondere? Reicht nicht auch ein Treffen in der Kneipe, bei einem Konzert oder im Club?
Ich würde sagen, dass auch ein Kneipenbesuch ein besonderes Event sein kann. Für mich muss man das gar nicht als besonders bezeichnen. Solche Veranstaltungen, zu denen somit auch Vera Sonora zählt, machen das Leben lebenswert. Dort entstehen Situationen, die einen das Leben genießen lassen. Natürlich gibt es besondere Veranstaltungen, bei denen es möglich ist, Menschen auf weniger direkte Art zu treffen als bei Vera Sonora. Deshalb hab ich es auch vermieden, zu viele Informationen auf die Einladung zu drucken. Das schreckt am Ende nur ab. Stattdessen war die Botschaft: Kommt her und trefft neue Gesichter!
Wenn ich das richtig interpretiere, hast du dir also nicht im Vorhinein schon Grenzen auferlegt. Stattdessen geht es darum, sich zu treffen und etwas zu erleben, für das es sich gelohnt hat zu kommen.
Ja, mir geht es darum, so viele kreative Menschen und Umgebungen wie nur möglich kennenzulernen. Und das ist meine Art, das zu verwirklichen. Vera Sonora ist sozusagen die Eintrittskarte, neue Leute kennenzulernen. Nicht nur für mich, sondern für alle, die daran teilhaben. Wie sie diese Plattform benutzen, das gebe ich ihnen nicht vor. Das können sie selbst für sich entscheiden.
Hast du in der Entwicklung des Projekts auch einmal an einen anderen Titel als Vera Sonora gedacht? Warum ausgerechnet dieser seltsame Name?
Du hast recht, das habe ich dir noch nicht erklärt. Als ich über den Titel Vera Sonoroa nachgedacht habe, der mit wahrhaftiger Klang übersetzt werden kann, aber selbst im Italienischen nicht wirklich grammatikalisch korrekt ist, da gefiel mir einfach, dass er wie der Name einer Person klingt. Vor- und Nachname. Vera Sonora. Deshalb hab ich auch davon gesprochen, dass das Projekt einer Maske gleicht, die man sich aufsetzt. Man kann sich damit gut identifizieren. Vera Sonora könnte man selbst sein.

Mit deiner Rückreise nach Bologna kommt Vera Sonora erstmal zum Abschluss, zumindest in Kassel. Was sind denn deine Zukunftspläne für das Projekt?
Ich stehe ja gerade kurz vor der Abreise nach Italien. Wenn ich in Bologna ankomme, gibt es eine Menge von Dingen zu erledigen. Der italienische Teil des Projekts ist quasi vollgepackt mit Aufgaben fürs ganze Jahr 2026. Und im Juli wird es im Rahmen des Rundgangs an der Kunsthochschule Kassel erneut eine Ausgabe von Vera Sonora geben.
Du wirst also zurückkommen nach Kassel?
Natürlich! Nicht nur für Vera Sonora. Und ich bin zuversichtlich, dass es nicht bei der einen weiteren Aufführung bleiben wird. Meine gute Freundin Guilia Zini, die in Kassel weiterstudiert, wird das Projekt sehr wahrscheinlich weiterführen. Gemeinsam mit den vielen Menschen, die wir auf unserem Weg getroffen haben.
Das freut mich zu hören! Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen Plänen.
