
Wer sich unter Linux kreativ austoben wollte, der hatte dafür bis vor wenigen Jahren nur wenige Software-Optionen. Doch heute, im Jahr 2026, sieht das ganz anders aus. Es spricht nicht mehr viel dagegen, Linux für die Bereiche Musikproduktion, Grafikdesign sowie Bild- und Videobearbeitung in Betracht zu ziehen.
Einleitung
Kassel – Linux und Kreativprogramme? Ja, da gibt es noch immer Vorurteile. Das überrascht nicht, schließlich wollen die Hersteller mit ihrer mühsam programmierten Software Geld verdienen – und das gibt’s dort zu holen, wo die meisten User sind: also unter Windows und macOS. Doch was bis vor einigen Jahren noch unhinterfragt hingenommen wurde – Linux ist für Kreativprofis nichts –, das gilt heute nicht mehr, zumindest in vielen Bereichen.
In dieser Übersicht zeigt ZERO VIEWS einsatzfähige Kreativsoftware, die unter Linux läuft. Nicht jedes der vorgestellten Programme ist open source, nicht jedes kostenlos. Alle vereint jedoch, dass sie unter dem quelloffenen Betriebssystem laufen und dazu beitragen, Linux als Plattform für Kreative zu stärken.
Besonders seit vergangenem Jahr gewinnt das Thema an Brisanz. Microsoft hat im Herbst 2025 offiziell den Support für Windows 10 eingestellt. Es gibt somit keine Sicherheitsupdates mehr für das weitverbreitete Betriebssystem. Nicht wenige Nutzer hinterfragen seitdem, warum sie ihre alte, aber noch leistungsstarke Hardware auf den Schrottplatz tragen sollen. Selbst 4K-Videobearbeitung oder 3D-Rendering läuft auch mit verhältnismäßig alten PCs und Laptops noch wunderbar, sofern man keine allzu hohen Ansprüche stellt. Günstig, oder sogar kostenlos, ist alte Hardware obendrein.
Dazu kommt: Kommerzielle Software, auch für Windows oder macOS, macht kaum noch Sprünge nach vorn. Geworben wird heute vermehrt mit Künstlicher Intelligenz, die das Arbeiten erleichtern soll. Aber echte Kreative vertrauen auf sich und ihre eigene Intelligenz, oder etwa nicht? Von daher sind einzelne Beschränkungen, die Kreativsoftware unter Linux manchmal noch bedeutet, eher ein willkommener Antrieb, die Grenzen zu sprengen und etwas Einzigartiges zu erschaffen.
Ein Tipp vorweg: Wer auf der Suche nach einer Alternative zu einer liebgewonnenen Windows-Software ist, sollte die Seite AlternativeTo.net besuchen. Dort finden sich zu (fast) jedem Programm Alternativen, die auch unter Linux verfügbar sind.
Videobearbeitung
Der Videoschnitt macht in dieser Übersicht den Anfang. Denn für Cutter gibt es unter Linux heute praktisch keine Einschränkungen mehr. Höchstens der Support bestimmter Grafikkarten mittels Treibersoftware lässt noch zu wünschen übrig.
Und die Software? Na, die ist heute fast auf allen Betriebssystemen die Gleiche: Davinci Resolve. Wer unter macOS schneidet, präferiert vielleicht Final Cut und wer sowieso für viel Geld die Adobe Creative Cloud abonniert hat, der nutzt bereitwillig Premiere und After Effects. Aber kostenbewusste Cutter kommen mit Davinci Resolve bestens zurande. In der Basisversion ist Resolve sogar kostenlos, bei der 305 Euro teuren Studioversion ist vor allem die Hardware-Beschleunigung mittels Grafikkarte interessant. Der Funktionsumfang ist in jedem Fall atemberaubend. Für Farbkorrekturen gibt es wohl keine bessere Software auf dem Markt. Einschränkend muss jedoch betont werden: Resolve ist eine proprietäre Software, also nicht open source. Es ist nicht garantiert, dass Hersteller Blackmagic Design irgendwann etwas an der Lizenz ändert und man dann wieder auf andere Software angewiesen ist.
Da kommt es gelegen, dass andere Videoschnitt-Software tatsächlich kostenlos und quelloffen ist. Ein vielversprechendes Schnittprogramm ist Kdenlive. Die Bedienoberfläche sieht nicht so schick aus wie bei kommerzieller Software. In Foren und in Kommentaren unter YouTube-Videos finden sich Beschwerden, dass darunter die Benutzerfreundlichkeit leidet. Aber zu grundlegendem Videoschnitt scheint die Software fähig.
Ebenfalls quelloffen und kostenfrei ist das Programm Shotcut. Vom Funktionsumfang ähnelt es Kdenlive, hat aber eine andere Bedienoberfläche. Vorteil: Wie Kdenlive ist Shotcut auch unter Windows und macOS verfügbar, sodass sich Projekte mit Nutzern teilen lassen, die ein anderes Betriebssystem verwenden.
Für kurze Clips eignet sich auch hervorragend der Editor OpenShot. Vom Bedienkonzept gleicht er iMovie oder dem Windows Movie Maker, ist also einsteigerfreundlich – und ebenfalls auf allen Plattformen erhältlich, kostenlos und open source.
Auch Blender beherrscht Videoschnitt, aber noch so viel mehr. Es ist mittlerweile im Bereich 3D-Modelling eines der beliebtesten Programme – unabhängig vom Preisschild.
Wer eine Alternative zu Adobe After Effects sucht, den könnte Friction zufriedenstellen. Das Programm ist zur Erstellung von Motion Graphics entwickelt worden.
Und als Twitch-Streamer hat man es leicht, da OBS Studio auch für Linux bereitsteht.
Zusammengefasst: Im Bereich Videoerstellung und -bearbeitung spricht kaum noch etwas gegen Linux. Weiterhin sind jedoch teure Grafikkarten von Vorteil, sodass die kostenlose Software allein meist kein Grund ist, zu Linux zu wechseln.
Desktop Publishing
Wer kreativ arbeitet, lernt schnell Adobe kennen, schätzen und vielleicht auch hassen. Im Bereich Desktop Publishing sind Illustrator für Vektorgrafiken und InDesign für Layouts der Standard. Doch viele Gelegenheitsnutzer sind Abo-müde und wollen auch keine illegalen Wege nutzen, um die Adobe-Software auf ihrem Rechner zum Laufen zu bringen. Was tun?
Für Vektorgrafiken gibt es unter Linux das quelloffene und kostenlose Inkscape. SVG-Grafiken lassen sich damit problemlos erstellen. CMYK-Farben beherrscht Inkscape jedoch nicht, sodass man seine RGB-Grafiken gegebenenfalls vor dem Druck noch mal umwandeln muss.
Wer auch im Browser gerne Vektorgrafiken bearbeitet, sollte sich mal den Boxy SVG Editor ansehen. Grundlegende Funktionen, um Änderungen an bestehenden SVG-Grafiken vorzunehmen, bietet der Editor allemal.
Für Layouts gibt es schon lange das ebenfalls quelloffene, kostenlose Programm Scribus. Hier ist die Bedienoberfläche wohl das größte Manko. Man fühlt sich zurückversetzt in die 1990er-Jahre: viel Grau und viel Text.
Für viele semiprofessionelle Nutzer wäre es wohl traumhaft, wenn Canva sein Affinity auch für Linux anbieten würde. Immerhin gibt es bereits das Projekt AffinityOnLinux, das die Software über Umwege zum Laufen bringt. Affinity ist nach einer Registrierung zwar kostenlos, aber nicht quelloffen.
Canva, das Tool hinter dem Unternehmen, das 2025 Affinity gekauft hat, läuft in jedem modernen Browser und hat sich zum Standard zur Erstellung von Social-Media-Grafiken entwickelt.
Für Künstler, Zeichner und Cartoonisten ist Krita ein Schmankerl. Hiermit lässt sich am Computer zeichnen und malen.
Fotobearbeitung und -verwaltung
Wer Photoshop kennt, alle Shortcuts auswendig gelernt hat, der wird bei GIMP nur die Nase rümpfen. Aber hey: Das Programm ist kostenlos und für Fotoverwaltung und RAW-Bearbeitung gibt es auch unter Linux eh bessere Programme.
Im Browser gibt es mit Photopea eine App, die vom Aussehen zumindest Photoshop sehr ähnlich sieht und komplett lokal auf dem eigenen Rechner läuft, die Fotos werden also nicht in die Cloud hochgeladen. Sogar PSD-Dateien, das Photoshop-Format, verarbeitet die App.
Wer eine Alternative zu Lightroom Classic oder Capture One sucht, wird bei darktable fündig. Mathias Hüber hat eine Anleitung veröffentlicht (auf Englisch), um Wechselwilligen, die bislang Lightroom Classic genutzt haben, den Einstieg zu erleichtern.
Die relativ neue Software RapidRAW beherrscht ebenfalls RAW-Entwicklung unter Linux, hat aber auch eine Bibliothek, sodass es als Ersatz für Lightroom Classic herhalten kann. RapidRAW befindet sich zwar noch in der Entwicklung, lässt sich heute aber schon weitgehend crashfrei einsetzen. Für eine kostenlose und quelloffene Software hat es eine wunderbare, schlüssige Bedienoberfläche und verbraucht kaum Festplattenspeicher.
Wer lediglich RAW-Dateien seiner Kamera entwickeln möchte, aber nicht auf eine Bibliothek angewiesen ist, der kann RawTherapee nutzen. Quasi als kostenlose und quelloffene Alternative zu Adobe Camera Raw.
Und auch für Adobe Bridge oder PhotoMechanic gibt es Ersatz: digiKam wurde für die Fotoverwaltung entwickelt. Ebenfalls empfehlenswert: XnView. Das Programm ist zwar kostenlos für persönliche Nutzung, aber nicht quelloffen.
Musikproduktion
Wer Musik am Computer produzieren möchte, hat heute die Qual der Wahl: Nutze ich Ableton Live, FL Studio, Logic, Cubase oder vielleicht doch Protools oder Luna?
All die genannten Programme haben jedoch eines gemein: Sie sind unter Linux ohne Weiteres nicht lauffähig und dazu noch ziemlich teuer, wenn man die Vollversion haben möchte.
Linux-Nutzer erwarten in der Regel kostenlose und quelloffene Software, auch als Free/Libre Open Source Software (FLOSS) bezeichnet. Jedoch entdecken auch vermehrt kommerzielle Anbieter Linux als Plattform für ihre proprietäre Software, deren Code nicht einsehbar ist und für die die User in der Regel zahlen müssen.
Die Digital Audio Workstation (DAW) Reaper verwirrt beim ersten Start etwas. Es gibt eine großzügige Testversion, die beliebig oft verlängert werden kann. Trotzdem gehört Reaper dadurch nicht zu FLOSS. Das Programm ist proprietär und kostet etwas, auch wenn man keinem harten Zwang ausgesetzt wird, sofort den Geldbeutel zu zücken. Windows-Nutzer kennen dieses Vorgehen von WinRAR, einem Programm, mit dem man Archive entpacken kann.
Dagegen kann man Ardour durchaus zu FLOSS zählen. Die meisten Programmverwaltungen unter Linux bieten Ardour zum kostenfreien Download an. Wer das Programm jedoch unter Windows nutzen will, zahlt entweder für eine fertig kompilierte Installationsdatei oder muss es sich selbst zusammenstellen. Daher sind manche User etwas zwiegespalten, ob Ardour wirklich so free ist, wie es die Definition von FLOSS zur Bedingung stellt.
Kostenfrei und quelloffen ist jedoch ohne Frage LMMS. Manche User vergleichen es hinsichtlich der Bedienphilosophie mit FL Studio, das ja eine beliebte DAW unter Windows und macOS ist.
Quelloffen ist Zrythm ebenfalls, aber für Extrafunktionen muss man zahlen. So ist die Anzahl der Spuren in der kostenfreien Version auf 25 beschränkt. Damit lässt sich aber schon etwas anfangen.
Kostenlos erhältlich ist die proprietäre DAW Waveform. Für jeweils 10 Dollar gibt es Erweiterungen zu kaufen.
Eindeutig kommerziell und proprietär ist hingegen Bitwig Studio. Die Entwickler waren früher Teil des Teams von Ableton Live und haben mit Bitwig Studio eine eigene, geschätzte DAW entwickelt. Die Vollversion kostet regulär 399 Euro und enthält kostenfreie Updates für die ersten 12 Monate. Abgespeckte Versionen sind ebenfalls erhältlich.
Mit einer DAW ist es nicht getan. Zwar bringen gerade kostenpflichtige und proprietäre Programme oft auch Instrumente und Effekte mit, doch selbst dann kaufen sich versierte Nutzer noch reichlich Plugins, um den Funktionsumfang zu erweitern. Normale VST-Plugin laufen unter Linux nicht, da es von Hersteller Steinberg stammt und dieser eine restriktive Lizenz festgelegt hat. Mit CLAP gibt es jedoch bereits ein quelloffenes und lizenzfreies Plugin-Format, das wohl in kommender Zeit mehr Verbreitung finden wird. Schon heute gibt es eine immer größer werdende Auswahl kommerzieller, aber auch quelloffener, kostenloser Plugins, die unter Linux funktionieren. ZERO VIEWS stellt hier ein paar Software-Instrumente vor:
Ein interessanter kostenfreier Wavetable-Synthesizer, der auch unter Linux läuft, ist Vital. Er wird oft mit Serum bzw. Serum 2 von Xfer Records verglichen. Vital ist dagegen open source, aber für mehr Presets wird man zur Tasche gebeten.
Surge XT dagegen ist ein komplett kostenloser und quelloffener Hybrid-Synthesizer.
Für Klangexperimente eignet sich der modulare Synthesizer Bespoke Synth. Praktisch eine eigene DAW innerhalb eines Plugins. Ebenfalls quelloffen und kostenfrei.
Ähnlich funktioniert auch Cardinal, ein modularer Synthesizer, der ganze 1382 Module enthält.
Ein einfacher, aber mächtiger Software-Synthesizer ist Helm. Komplett kostenlos und quelloffen.
Und wer den typischen Sound der 80er-Jahre nachstellen will, den der FM-Synthesizer Yamaha DX7 geprägt, kann das kostenlos mit Dexed.
Ein ähnliches Konzept verfolgt Nils’ K1v, eine Emulation des Kawai K1 Synthesizers von 1988.
Odin 2 wiederum hat 24 Stimmen.
Für manchen sind DAWs aber auch zuviel des Guten für den Hausgebrauch. Nur mal eine MP3-Datei zurechtschneiden und etwas lauter machen? Das geht prima mit Audacity.
Ein Tool, das Ähnliches sogar lokal im Browser beherrscht, ist AudioMass.
Wer mehr in das Thema Musikproduktion einsteigen will: Der Musiker Marcel Schindler hat auf seinem Blog trancefish.de einen guten Überblick verfasst.
Und wenn’s doch Adobe sein muss?
Und wenn die eigene Arbeit doch so stark von Adobe-Produkten abhängt, dass es nicht ohne sie geht? Auch hierfür gibt es mittlerweile Lösungen – auch wenn sie noch nicht ganz ausgereift sind.
Bei WinApps wird eine virtuelle Maschine genutzt, in der Windows läuft und die ausschließlich für die entsprechenden Adobe-Apps genutzt wird. Das Vorgehen erklärt der YouTuber Brodie Robertson in diesem Video.
Ähnlich geht WinBoat vor. Hier wird Windows in einem Container, also ebenfalls virtualisiert, betrieben. Der YouTube-Kanal c’t 3003 des Heise-Verlags hat erklärt, wie das geht.
Etwas eleganter, aber bislang nicht ausgereift, ist der Ansatz, die Adobe-Software über Wine laufen zu lassen. Hierfür sind Patches erforderlich, die bislang nicht standardmäßig in Wine enthalten sind. Der YouTuber Mental Outlaw hat dazu ein Video veröffentlicht.
Fazit
Zusammengefasst lässt sich sagen: Linux kann was. Es gibt kaum einen Bereich, den unabhänige Entwickler nicht bereits mit ihrer oftmals kostenlosen und quelloffenen Software abgedeckt haben. Auch proprietäre Cloud-Software im Browser, wie hier vereinzelt vorgestellt, erweitert den Funktionsumfang enorm.
Besonders in den Bereichen Grafikdesign und Fotobearbeitung klaffen jedoch noch große Lücken, die bald womöglich auch kommerzielle Software schließen wird. Vorbild für diese Entwicklung könnte Davinci Resolve sein, das nicht nur unter Linux zu einer Top-Schnittsoftware gehört.
Spannend zu beobachten wird daher sein, ob Affinity offiziell für Linux portiert wird. Dann gäbe es kaum noch eine Ausrede für Gelegenheitsnutzer, auf Windows als Betriebssystem zu setzen.
Und wer heute noch nicht auf Adobe-Software verzichten kann, dem stehen Möglichkeiten offen, die Apps in einer virtuellen Windows-Umgebung oder über Wine laufen zu lassen.
