Neue Regeln für E-Scooter in Kassel: Und jetzt?

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E-Scooter in der Obersten Gasse in Kassel: Innerhalb des Innenstadtrings, und daher falsch geparkt. (Foto: Paul Bröker)

Die Stadt Kassel greift in Sachen E-Scootern durch. Wirklich? Nach einem Monat ist nicht zu erkennen, wie die Verantwortlichen das Scooter-Problem in den Griff bekommen wollen.

Kassel – Ich liebe Ordnung. Mh, lecker! So süß und saftig. Crazy? Verurteilst du mich dafür? Ja, zurecht!

Obwohl ich mich in den vergangenen anderthalb Jahren gesellschaftspolitisch nach links radikalisiert habe  – antikapitalistisch, antinationalistisch, antifaschistisch –, liebe ich Strukturen. Ich will mich zurechtfinden und bin bereit, diese Strukturen gegen meine Freiheit einzutauschen – ein Stück weit. 

In meiner Wohnung muss es aufgeräumt sein, bevor ich die Nachttischlampe ausknipse. Der Staub und die toten Weberknechte an der Deckenecke? Die stören mich nur, wenn ich Besuch bekomme und mich als sauberen Kerl, respektabel, angepasst vorzeigen möchte. Das kommt nicht allzu häufig vor. Aber Ordnung? Muss sein. Fast schon zwanghaft. Aua!

Und so kommt es, dass ich nicht nur in meiner Wohnung Panik bekomme, wenn nicht alles in geregelten Bahnen verläuft. Die dahingerotzten Graffitis, die Zigarettenstummel zwischen den Pflastersteinen, die schief geparkten Autos in den Parklücken. Ich bin Pedant, ja, ich bekenne mich schuldig. Sorry!

Radikal links und Ordnungsfimmel

Wie passt das zusammen? Radikal links und Ordnungsfimmel? Ich weiß es nicht. Vielleicht eine tief verwurzelte Anpassung, die ich in der alltäglichen Gewohnheit nicht überwunden habe, aber politisch von ihren Ketten befreit habe?

Wie dem auch sei: Ich war heilfroh, als die Stadt Kassel zum 1. April 2026 endlich mal was gegen die E-Scooter unternommen hat: Sie dürfen jetzt nur noch an Radbügeln geparkt werden, lässt sich das Unterfangen grob zusammenfassen. Im Innenstadtring war das Parken der Roller von Quik, Bolt und auch Dott bereits seit längerem nur in gekennzeichneten Flächen gestattet, sonst: Strafe.

Und wie läuft es nach circa einem Monat mit der neuen Regel? Oh Mann! Es hat sich gar nichts getan. Der Plan: toll. Die Durchsetzung: mangelhaft.  

Gerade an den Wochenenden schien es mir, als wären die Scooter noch grotesker überall dort verteilt, wo sie Menschen mit Behinderung nicht vertragen können. Stolper, hink, krach. Alles nur, weil die blöden Fahrer zu faul sind? Ist es so? Liegt es nur am mangelnden Verstand? An der Ignoranz der Regeln?

Immer und überall aufsteigen

Mein Design-Hintergrund sagt mir: Nein! Design Thinking ist eine technische und soziologische Disziplin. Man kann ein Produkt oder einen Dienst so erschaffen, dass er genau den Nerv trifft, den die Nutzer zu Recht erwarten. Quasi ohne Nachteil. Sozialismus bezogen auf ein Ding – widersprüchlich.

Beispiel: Wieso stören Nextbikes nicht? Sie werden an festen Stationen abgestellt. Klar, überfüllt sind die auch oft. Aber sie sind keine Stolperfallen für Blinde oder Rollator-Nutzerinnen.

Dagegen: Der Reiz von E-Scootern? Immer und überall aufsteigen und bis zum Ziel. Bis vor die eigene Türschwelle. Niedrigerer Preis als ein Taxi, weitaus niederiger. Keine Abhängigkeit, ungebunden, frei. Ohne lästige Stationen, die Ordnung erzwingen. Und Einschränkung bedeuten.

Aber stadtgesellschaftlich hat es einen Preis: Stolperfallen, Fahrer ohne Regelkenntnisse, die jeden gefährden, dem sie sich nähern.

Sind Radbügel die Lösung? Oder machen sie den Reiz der Scooter kaputt?

Ihn zurechtgewiesen: Kein Radweg!

Ich will Ordnung! Aber ich will auch meinen jugendlichen Komfort: vom Club vor die Türschwelle. Jederzeit und billig.

Klar, ich halte mich an die Regeln: Kein Alkohol. Fahren nur auf der Straße oder auf dem Radweg (auch: „Fahrrad frei“-Wege). Natürlich.

Aber eine Kette ist ja nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Jedes Mal dasselbe: An der Unteren Königsstraße etwa, zwischen Stern und Hopla, fährt praktisch immer jemand 20 Zentimeter an mir auf dem Bürgersteig vorbei. Steigend? Tretend? Nein, fahrend! Bis zu 25 km/h schnell.

Ja, ich habe vor einer Weile mal einen jungen Scooter-Burschen geschnappt, wohl Ukrainer sagte mir seine gebrochene Sprache. Hab seinen Lenker gegriffen und habe ihn zurechtgewiesen: Kein Radweg! Ich habe mich selbst erschrocken: so gewaltvoll meine Sprache und mein Verhalten. So zornig und selbstermächtigend. 

Zorn auf das Verkehrssystem

Muss das sein? Um meinen Zorn auf das Verkehrssystem an einem Einzelnen auszulassen? Der einfach das tut, was er für richtig hält und niemandem was Böses wollte?

Ja, das war nicht okay von mir. Ich geb’s zu.

Es brauchte eine Lösung, Wut musste sich Bahn brechen. Klingt nach Auflösung: Kein Problem mehr da. Alles super und fein – die Illusion von Ordnung und Klarheit. 

Natürlich könnten bessere Radwege auch Scooter-Fahrern ihre Wege ausrollen. Aber wir können nicht erst die Stadt komplett umgraben und den Autos ihren Platz wegnehmen. Könnten wir vielleicht schon? Ja, aber nicht jetzt auf gleich.

Und was sagt die Stadt Kassel?

Was sagt die Stadt? Ich habe Sie gefragt. Hier ungekürzt die verkürzten, weil sehr pauschalen Antworten von 23. April 2026:

„Zu den Erfahrungen mit den neuen Regeln wird sich die Stadt Ende Mai 2026 äußern.“

„Eine zentrale Auflage der Sondernutzungserlaubnis besteht darin, dass Miet-E-Scooter nur an Radbügeln und auf besonders gekennzeichneten Flächen angeboten und zurückgenommen werden dürfen. Die Anbieter sind verpflichtet, dies in ihren eigenen Apps technisch zu umzusetzen. Zunehmend mehr Fahrzeuge stehen an erlaubten Stellen. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass ganz offensichtlich keiner der drei in Kassel aktiven Anbietern die Regeln vollumfänglich einhält. Die Stadt ist zur Durchsetzung der Auflagen im Kontakt mit den Anbietern.“

„Sollten den Nutzerinnen und Nutzern Radbügel beziehungsweise Abstellflächen irgendwo fehlen, können Sie dies den Scooter-Anbietern mitteilen. Die Stadt wird im Dialog mit den Anbietern nach und nach Radbügel oder Abstellflächen ergänzen, wenn das notwendig ist.“

„Die Wahrnehmung, dass seit Beginn der milderen Jahreszeiten und dem seit einigen Wochen vergrößerten Angebot von E-Scootern das verkehrsordnungswidrige Verhalten von E-Scooter-Nutzern zugenommen hat, kann von hier bestätigt werden. Aus diesem Grund fanden in den vergangenen sieben Wochen zwei gezielte Kontrollen mit mehreren Streifen der Stadtpolizei im Bereich der Fußgängerzone statt. Daneben wurden in diesem Zeitraum auch einzelne, spontane Kontrollen durchgeführt. Im Rahmen dieser Kontrollen wurden etwa 25 E-Scooter-Nutzer kontrolliert. In elf Fällen wurde ein Verwarngeld in Höhe von 15 Euro und in den übrigen Fällen eine mündliche Verwarnung ausgesprochen. Weitere zeitnahe Kontrollen sind angedacht, wobei tendenziell zukünftig mehr Verwarnungen mit Verwarngeld ausgesprochen werden, um den erzieherischen Effekt mittels einer monetären Sanktion zu fördern. Auch werden die Kontrollen sukzessive auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet.“

Das ist doch keine Strategie!

Nach einem Plan klingt das nicht. Es klingt, als wäre der Stadt nicht allzu viel daran gelegen, es sich mit den Anbietern der Leih-E-Scooter zu verscherzen. Die Dinger tragen ja zur Attraktivität der Stadt bei jüngeren Bewohnerinnen bei. Die Meinung von Dott, Bolt und Co. einzuholen, war ich zu faul: sorry!

Für mich klingt es nach Personaldefizit, wenn innerhalb von drei Wochen gerade mal 25 E-Scooter-Nutzer kontrolliert wurden. Oder es klingt danach, dass es für die Ordnungsbehörden andere Schwerpunkte gibt. Anders lassen sich gerade mal 25 Kontrollen nicht erklären.

Eine meiner Fragen war, was denn die Vertragsstrafen sind. Auf diese Frage ist die Pressestelle der Stadt Kassel nicht eingegangen. Wenn für jeden der mir persönlich aufgefallenen falsch geparkten Scooter 5 Euro Strafe zu verbüßen wäre, dann gäbe es innerhalb von einem Monat keine E-Scooter mehr in Kassel, weil sich das Geschäft dann nicht lohnen würde. Es sei denn, die Anbieter würden die Nutzer für ihre Parkdelikte in Haftung nehmen. Was sie nach meiner Laien-Einschätzung nicht können, weil die Beweislast wohl bei den Anbietern liegt und diese sich nur mit einem ungenauen GPS-Signal zufriedengeben, was nicht als rechtssicher gilt. Die Fotos, die man von den abgestellten Scootern am Ende seiner Fahrt machen muss, könnten genauso gut mit einer KI erstellt worden sein.

Letztlich: Keine Ordnung. Ein großer Schmerz in meiner Liebe zur Struktur im Straßenverkehr. Menno!

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