
Ein essayistischer Versuch, die eigene Angst angesichts von „Remigrations“-Rhetorik und Rechtsruck zu sortieren. Über Zugehörigkeit, unterschiedliche Erfahrungen von Unsicherheit, Solidarität und darüber, wie aus Ohnmacht gemeinsames Handeln werden kann.
I – Wer gehört dazu?
Es ist Sonntagmorgen.
Noch während mein Körper langsam hochfährt, greife ich nach meinem Handy und lese einen Tagesschau-Beitrag über Aussagen des AfD-Politikers Ulrich Siegmund. Er spricht von einer künftigen „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ und davon, dass dafür entsprechende „Hilfsmittel“ gebraucht würden – im Kontext von Rüstungsproduktion, Polizei, Bundeswehr und Sicherheitsbehörden.
Ich merke sofort, was es mit mir macht.
Da ist wieder dieses Gefühl.
Dieses Gefühl, an einen Punkt zu kommen, an dem ich Deutschland manchmal einfach den Rücken zukehren und gehen möchte.
Und das macht mich so unfassbar wütend und müde. Denn ich bin ursprünglich auch politisch aktiv geworden, weil ich genau dieses Gefühl von Ohnmacht nicht mehr haben wollte. Weil ich nicht mehr nur dasitzen und zusehen wollte.
Und trotzdem sitze ich an einem Sonntagmorgen hier und denke:
„Ich kann einfach nicht mehr.“
Manchmal frage ich mich wirklich, ob Menschen die AfD wählen, weil sie „unzufrieden“ sind – wie es immer wieder heißt – oder ob ein Teil von ihnen einfach fucking Nazis sind. Denn irgendwann reicht mir „Protestwahl“ als Erklärung nicht mehr, wenn längst bekannt ist, worüber wir hier reden.
Gleichzeitig entsteht in mir eine kognitive Dissonanz, die ich kaum beschreiben kann.
Ich bin hier geboren. Meine ganzen Kindheitserinnerungen sind hier. Deutschland ist mein Zuhause. Ich bin neben meiner türkischen Identität auch sehr deutsch. Beides gehört zu mir. Ich bin gebürtige Ostwestfälin. Eine türkische Ostwestfälin, wenn man so mag und Kassel ist inzwischen meine Wahlheimat.
Ich freue mich, wenn ich irgendwo ein Kennzeichen aus meiner Geburtsstadt sehe. Über so banale Dinge eben. Über dieses kleine Gefühl von:
Da komme ich her.
Ich kenne dieses Land über meine Kindheit, über Straßen, Orte, Schulwege, Familiengeschichten und diese ganzen kleinen Selbstverständlichkeiten, aus denen Heimat überhaupt erst entsteht.
Für mich ist daran nichts widersprüchlich.
Ich kann türkisch und deutsch sein.
Ostwestfälin und Kasselerin.
Das alles gehört gleichzeitig zu mir. Und dann gibt es Menschen, die mich ansehen und zuerst eine „Ausländerin“ sehen.
Während ich selbst gar nicht daran zweifle, dass dieses Land zu meiner Identität gehört, bringen mich andere Menschen und politische Entwicklungen dazu, genau diese Zugehörigkeit plötzlich wieder infrage zu stellen.
Und auf einmal muss ich mir eine Frage stellen, die sich für mich eigentlich nie hätte stellen sollen:
Gehöre ich überhaupt dazu?
Ich habe einen deutschen Pass. Und natürlich weiß ich, dass mich das rechtlich in eine andere Position bringt als Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
Aber ein deutscher Pass schützt nicht davor, Angst zu haben.
Er schützt nicht davor, zu hören und zu sehen, wie Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer zugeschriebenen Zugehörigkeit abgewertet werden.
Denn gleichzeitig muss ich erleben, dass Menschen wie ich für einen Teil dieser Gesellschaft offenbar nicht dazugehören. Dass es Menschen gibt, die uns hier nicht haben wollen.
Und das ist nicht einmal mehr etwas, das nur insgeheim gedacht wird.
Es wird offen ausgesprochen.
Das macht etwas mit meiner eigenen Identität. Es erzeugt eine Spaltung, eine Entfremdung, die mich aus meinem eigenen Zuhause herausdrängt.
Manchmal frage ich mich, ob dieses Gefühl verschwinden würde, wenn ich Deutschland tatsächlich verlassen würde. Ob ich irgendwo anders aufhören würde, ständig diese inneren und äußeren Kämpfe über mein Aussehen, meine Herkunft und meine Geschichte führen zu müssen.
Aber gleichzeitig will ich genau das nicht tun.
Ich will diesen Menschen nicht geben, was sie wollen. Ich will nicht gehen, weil andere beschlossen haben, dass Menschen wie ich hier nicht hingehören.
Irgendwann gehe ich raus. Spazieren.
Es ist immer noch Sonntag.
II – Was bleibt von Sicherheit?
Später sitze ich in der Straßenbahn. Menschen steigen ein und wieder aus. Manche schauen auf ihre Handys, andere aus dem Fenster, andere unterhalten sich.
Ich höre Menschen aus verschiedenen Ländern des sogenannten „Nahen Ostens“ zu, wie sie miteinander auf Deutsch sprechen. Wie sie sich gegenseitig stolz erzählen, welches Sprachniveau sie inzwischen erreicht haben. Wie glücklich sie darüber sind, Deutsch sprechen zu können. Weil auch darin die Hoffnung steckt, hier anzukommen und dazuzugehören. Ich sehe, was diese Menschen jeden Tag leisten. Und es rührt mich. Und über diese Menschen wird gleichzeitig gesprochen, als wären sie eine Masse, die man loswerden müsse.
Die AfD redet über „millionenfache Remigration“.
Über Abschiebeoffensiven.
Über die „Hilfsmittel“, die man dafür angeblich brauche.
Wo sind wir wieder gelandet?
Was ist hier los?
Und während die Straßenbahn weiterfährt, frage ich mich auch, ob wir jemals über diesen Punkt hinauskommen, an dem die Daseinsberechtigung von Menschen mit Migrationsgeschichte damit begründet werden muss, dass wir wegen des demografischen Wandels gebraucht werden.
Dass wir Fachkräfte sind. Dass wir arbeiten. Dass wir Steuern und Sozialabgaben zahlen. Dass wir „nützlich“ für dieses Land sind.
Allein diese Argumentation fühlt sich für mich entmenschlichend an. Ich finde sie entwürdigend.
Menschen müssen sich ihre Daseinsberechtigung nicht durch wirtschaftlichen Nutzen verdienen.
Vielleicht denke ich deshalb gerade an die Eltern meines Freundes.
Am Sonntag sind wir manchmal bei ihnen.
Heute nicht. Heute bin ich in Kassel, sitze in der Straßenbahn und denke an sie.
Sie leben in einem Dorf in der Nähe von Kassel. Seine Mutter ist seit September eigentlich in Rente. Aber ihre Rente reicht nicht aus. Und weil sie keine zusätzlichen staatlichen Leistungen beziehen möchte, arbeitet sie trotzdem weiter. Inzwischen mit weniger Stunden, aber weiterhin in der Pflege.
Eine Frau, die ihr ganzes Leben gearbeitet hat und selbst im Rentenalter weiterarbeitet, weil es finanziell anders nicht reicht.
Und dann höre ich Menschen davon reden, wer angeblich etwas für dieses Land leistet und wer nicht.
Beide Eltern stammen aus Armenien und sind in den neunziger Jahren nach Deutschland geflohen.
Aber hinter diesen wenigen Sätzen steckt eine ganze Lebensgeschichte, die in diesen Debatten darüber, wer „hierhergehört“, einfach verschwindet.
Mein Freund ist mit einer Realität aufgewachsen, die ich in dieser Form als Kind nicht kannte. Mit Behörden. Mit Aufenthaltsstatus.
Mit der ständigen Unsicherheit, ob die Familie bleiben darf. Mit sogenannten „Kettenduldungen“. Immer wieder ein neuer befristeter Status. Immer wieder warten. Immer wieder die Frage, was als Nächstes passiert.
Seine Mutter hat über Jahre gekämpft. Sie hat immer wieder Briefe an Behörden geschrieben. Sie hat jahrelang darum gekämpft, überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Und irgendwann war da vor allem dieser Wunsch, wenigstens den eigenen Sohn abzusichern.
Dass er nicht sein gesamtes Leben in derselben Unsicherheit verbringen muss. Als Jugendlicher bekam er schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit. Aber selbst dabei blieb etwas zurück, das für ihn bis heute Angst auslöst.
Bei seiner Einbürgerung wurde in seinen Unterlagen als Geburtsort offenbar der Geburtsort seiner Mutter übernommen. Obwohl er in Armenien geboren wurde, steht dort Aserbaidschan. Ein Eintrag auf einem Papier. Aber für ihn ist das nicht einfach irgendein bürokratischer Fehler.
Armenien und Aserbaidschan verbindet eine Geschichte von Krieg, Gewalt und Feindschaft, die bis heute nachwirkt. Und deshalb sitzt bei ihm die Angst tief, was passieren könnte, wenn dieses Land tatsächlich irgendwann anfangen sollte, Menschen nach vermeintlicher Herkunft zu sortieren.
Die Vorstellung, im schlimmsten Fall aufgrund dieses falschen Eintrags einem Land zugerechnet oder sogar dorthin geschickt zu werden, in dem er sich aufgrund seiner armenischen Herkunft um sein Leben fürchten würde, macht ihm Angst.
Vielleicht würde das rechtlich niemals so passieren. Aber darum geht es in diesem Gefühl gar nicht. Es geht darum, dass jemand, der schon als Kind gelernt hat, dass Behörden über die Sicherheit seiner Familie entscheiden können, heute einen falschen Eintrag in seinen Papieren sieht und sich fragen muss:
Was, wenn irgendwann genau so etwas plötzlich relevant wird?
Seine Eltern sind keine abstrakte Kategorie namens „Migration“. Es sind seine Eltern. Er ist kein abstrakter „Migrationsfall“. Er ist mein Freund. Und wenn heute von „Remigration“ gesprochen wird, wissen wir längst, dass solche Vorstellungen nicht einfach nur irgendeine anonyme Gruppe betreffen.
Seine Angst ist deshalb sehr konkret: Was passiert mit seinen Eltern, wenn sich dieses Land tatsächlich weiter nach rechts verschiebt?
Was passiert mit Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben, arbeiten, Freundschaften haben, Nachbar*innen sind, Familien gegründet haben, aber keinen deutschen Pass besitzen? Was passiert mit Menschen, deren Biografie nicht sauber in irgendeine nationalistische Vorstellung von Herkunft passt? Ich merke auch, dass mein Freund und ich mit dieser Angst unterschiedlich umgehen.
Ich werde oft wütend. Vielleicht auch, weil ich mit der Zeit gelernt habe, mich gegen patriarchale Strukturen und Fremdbestimmung aufzulehnen. Ich will nicht, dass andere Menschen darüber bestimmen, wie klein ich mich machen muss, wie sichtbar ich sein darf oder ob ich mich einschüchtern lasse.
Politik und Aktivismus sind für mich deshalb auch eine Möglichkeit, aus Angst wieder Handlung zu machen.
Bei ihm funktioniert das nicht immer so. Denn er kommt aus einer Lebensrealität, in der diese Unsicherheit schon als Kind real war. Ich bin als Kind grundsätzlich behütet aufgewachsen. Natürlich gab es auch in meiner Kindheit rassistische oder diskriminierende Situationen. Aber ich musste nicht regelmäßig zu Behörden mitgehen und als Kind verstehen, dass ein Stück Papier darüber entscheiden kann, ob meine Familie hierbleiben darf.
Seine Mutter spricht inzwischen sehr gut Deutsch. Sie ist eine gebildete Frau. Auch sein Vater hat hier Kontakte geknüpft, als Künstler Geld verdient und sich ein Leben aufgebaut.
Und trotzdem blieb bei der Familie eine Erfahrung zurück, die ich unglaublich bitter finde: Menschen, die ihnen im Alltag nahestanden, seine Kunst unterstützten und sich selbst als weltoffen verstanden, waren nicht da, als es wirklich darauf ankam und die Familie vor Gericht darum kämpfen musste, nicht abgeschoben zu werden.
Und genau solche Erfahrungen hinterlassen etwas.
Menschen können mit dir arbeiten. Mit dir feiern. Dich interessant finden. Sich selbst für weltoffen halten.
Aber wer steht neben dir, wenn es wirklich hart auf hart kommt?
Wer kommt mit? Wer widerspricht? Wer macht sich sichtbar? Wer riskiert selbst etwas?
Ich glaube, genau deshalb trifft uns die jetzige Situation auch auf unterschiedliche Weise. Wenn wir im Alltag Menschen sehen, die offensichtlich extrem rechte Codes oder entsprechende Kleidung tragen, merke ich manchmal, wie mein Freund angespannt ist. Dieser erwachsene Mann, der ansonsten seinen Alltag lebt, arbeitet, liebt, lacht, Pläne macht, ist in solchen Momenten plötzlich wieder mit einer Angst konfrontiert, deren Wurzeln viel weiter zurückreichen.
Und ich verstehe immer besser, warum. Weil er nicht erst heute gelernt hat, dass Zugehörigkeit plötzlich infrage gestellt werden kann. Er hat das als Kind gelernt.
Ich habe dagegen lange das Privileg gehabt, mich trotz meiner migrantischen Geschichte grundsätzlich sicher als Teil dieses Landes zu fühlen. Vielleicht erschüttert mich die aktuelle Situation deshalb so: Weil ich gerade merke, dass etwas, das für mich selbstverständlich war, offenbar gar nicht so selbstverständlich ist.
Wir beide haben Angst. Wir tragen sie nur unterschiedlich.
III – Das andere Deutschland
Irgendwann an diesem Sonntag telefoniere ich mit meiner Oma.
Meine Oma hat so viel Vertrauen in Deutschland. Sie ist immer noch davon überzeugt, dass es hier niemals wirklich ausarten wird. Ich bewundere sie manchmal für dieses Vertrauen.
Weil ich es nicht habe.
Während ich ihr zuhöre, mache ich mir Sorgen um sie. Ich frage mich, ob meine Oma irgendwann in Gefahr sein könnte, wenn sie alleine einkaufen geht.
Ich denke an meine Mama und an meinen Stiefvater, die viel arbeiten. An meinen Bruder und seine Familie, an meine Nichte und die Zukunft, in der sie aufwächst. An meinen Papa, der selbst in Deutschland geboren ist. An Menschen, die hier ihr Leben aufgebaut haben und für die Deutschland genauso Alltag, Zuhause und Lebensgeschichte ist.
Und plötzlich werden politische Entwicklungen ganz persönlich, sobald ich ihre Gesichter vor mir sehe.
Und inzwischen frage ich mich selbst, wie laut ich eigentlich sein darf, denn ich bin sichtbar.
Ich engagiere mich in meinem Stadtteil. Ich habe bereits sexualisierte Nachrichten von rechten Spinnern auf Instagram bekommen. Und dann kommt zu dieser politischen Angst noch eine sehr konkrete Frage: Was passiert, wenn es jemand nicht nur beim Schreiben belässt? Bei Gesprächen über Politik mit meinem Papa erzähle ich vieles davon gar nicht. Ich möchte nicht, dass er sieht, was „sein Mädchen“ teilweise auf sich nimmt, weil sie politisch sichtbar ist und sich engagiert. Man kann herausfinden, wer ich bin und wo ich politisch aktiv bin.
Ich möchte nicht, dass er weiß, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, ob aus Worten irgendwann mehr werden könnte. Nicht, weil ich ihm etwas verheimlichen will. Sondern weil ich nicht möchte, dass meine Angst auch noch zu seiner wird.
Und gleichzeitig gibt es dieses andere Deutschland.
Wenn ich durch meinen Stadtteil gehe, sehe ich Familien aus der Kita mit ihren Kindern. Ein Kind aus der Einrichtung, in der ich gearbeitet habe, kommt auf mich zugerannt, umarmt mich und erzählt mir, dass es mich in der Kita vermisst. Ein anderes erzählt mir, dass es mich auf seinen Geburtstag einladen möchte. Eine Mutter sagt mir, dass sie es gut findet, dass ich bei den Linken aktiv bin.
Und ich treffe mich mit einer 70-jährigen Genossin aus meinem Stadtteil auf einen Tee. Ich habe sie sehr ins Herz geschlossen, und sie ist noch immer politisch aktiv.
Und all das berührt mich. Weil das genauso Deutschland ist.
Zu fast jeder negativen Erfahrung könnte ich wahrscheinlich eine positive erzählen. Vielleicht sogar mehrere.
Aber kann man das überhaupt gegeneinander aufwiegen?

Was bedeutet es, wenn ich weiß, dass mich so viele Menschen selbstverständlich als Teil dieser Gesellschaft sehen, während gleichzeitig eine politische Rechte immer stärker wird, die genau das infrage stellt?
Vielleicht ist genau das diese Spannung, die ich kaum aushalte:
Ich erlebe in meinem Alltag Wärme, Nähe und Selbstverständlichkeit und gleichzeitig sehe ich, wie Menschen politisch daran arbeiten, andere aus dieser Gesellschaft herauszudefinieren.
Denn wenn Nazis und extreme Rechte immer mehr parlamentarische Macht gewinnen – was schützt uns dann letztlich davor, dass ihre Vorstellungen irgendwann tatsächlich Politik werden?
Und dann frage ich mich:
„Wie lange halte ich dieses Gefühl aus? Wie lange halte ich es aus, hier zu bleiben und gleichzeitig immer wieder darüber nachdenken zu müssen, ob ich hier auch in Zukunft sicher sein werde?“
Während ich diesen Text schreibe, habe ich geweint und versucht, meine Gedanken irgendwie zu sortieren. Wahrscheinlich hält dieser Text trotzdem das ganze Wirrwarr meiner Gefühle fest. Vielleicht kann ich es gerade auch gar nicht ordentlicher erzählen.
IV – Solidarität ist nicht still
Und was mich zusätzlich beschäftigt:
Ich habe manchmal nicht das Gefühl, dass alle Menschen, die ich mag und die mich mögen, den Ernst der Lage wirklich begreifen und entsprechend laut werden.
Wir reposten solche Beiträge. Viele von uns sind links orientiert.
Wir sind entsetzt, wir sprechen darüber.
Aber wir gehen nicht auf die Barrikaden.
Heute ist Sonntag. Immer noch.
Und wie so viele hatte ich eine volle Woche mit vielen To-dos und möchte mich eigentlich einfach nur ausruhen. Ich weiß, dass wir alle unseren Alltag haben. Arbeit, Studium, Familie, Erschöpfung, unsere eigenen Probleme.
Mir fehlt selbst manchmal einfach die Kraft. Ich möchte damit niemanden persönlich angreifen. Aber während zu diesem normalen Alltagsstress für manche von uns noch ganz reale Existenzängste dazukommen, frage ich mich manchmal, was „Ally“ eigentlich bedeutet, wenn es am Ende vor allem ein Begriff im linken Sprachgebrauch bleibt.
Denn eigentlich kann es nicht nur die Aufgabe derjenigen sein, die sich in Parteien, Initiativen oder anderen politischen Strukturen organisieren, laut zu werden. Eine demokratische Gesellschaft zu verteidigen, ist eine kollektive Aufgabe.
Und ich frage mich inzwischen wirklich:
Sind wir gerade laut genug? Oder tun wir noch immer so, als hätten wir unbegrenzt Zeit?
Wenn ich nach Sachsen-Anhalt schaue und sehe, wie stark die AfD dort innerhalb einer einzigen Wahlperiode werden konnte, dann wird mir bewusst, wie schnell sich politische Verhältnisse verändern können.
Dinge, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar wirkten, werden plötzlich ausgesprochen. Diskutiert. Normalisiert. Gerade in Kassel denke ich mir das immer wieder.
Und wenn dann noch ein rechter Politiker Rüstungsproduktion plötzlich mit einer „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ verknüpft, dann sollte uns das nicht nur für einen Tag empören.
Und vielleicht ist genau deshalb politischer Aktivismus für mich so wichtig.
Ich habe erlebt, wie viel Empowerment und Selbstwirksamkeit verändern können und wie viel Kraft darin liegt, sich politisch zu organisieren.
Es hilft mir, aus diesem Gefühl der Ohnmacht herauszukommen.
Ich kann handeln. Ich kann widersprechen. Ich kann mich organisieren. Ich kann gemeinsam mit anderen etwas tun.
Das stärkt mich.
Aber es löscht die Angst nicht aus.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir manchmal vergessen:
Betroffene können nicht immer gleichzeitig die Angst aushalten, sich wehren, aufklären, widersprechen und auch noch andere mobilisieren.
Das betrifft nicht nur migrantische Menschen. Rechte und diskriminierende Politik richtet sich gegen ganz unterschiedliche Menschen, Lebensweisen und gesellschaftliche Gruppen.
Und manchmal kann man eben nicht mehr. Dann braucht es andere, die mittragen. Die widersprechen, auch wenn sie selbst gerade nicht betroffen sind. Die laut werden, wenn einem selbst die Kraft fehlt.
Denn meine politische Arbeit gibt mir Kraft, aber sie macht mich nicht unverwundbar. Die Angst sitzt manchmal tiefer. Und sobald sich die politische Lage verschärft, bekommt sie wieder Futter.
Und manchmal weiß ich selbst nicht:
Ist dieses Futter real? Ist meine Angst gerade größer als die tatsächliche Gefahr? Oder ist genau diese Angst ein riesiger Weckruf für uns alle?
Ich denke dann auch an die Generationen vor mir. An Menschen, die Abwertung und Demütigung erlebt und trotzdem irgendwie weitergemacht haben, damit ihre Kinder und Enkelkinder es einmal besser haben.
Ich sehe die Privilegien, die ich heute dadurch habe. Ich genieße sie auch. Und trotzdem werden in mir Kämpfe ausgetragen, die an meiner eigenen Identität rütteln. Die mich hin- und herreißen.
Zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung.
Zwischen Wut und Ohnmacht.
Und manchmal macht die Angst mich so klein wie die Fragmente, die daraus entstehen.
Manchmal frage ich mich auch, wie es wäre, in der Türkei zu leben. Ob ich dort diese inneren und äußeren Kämpfe aufgrund meines Aussehens, meiner Herkunft und meiner Familiengeschichte nicht ständig austragen müsste.
Ob dieses permanente Aushandeln meiner eigenen Identität irgendwann aufhören würde.
Was wäre dann? Ich weiß es nicht.
Vielleicht wären es andere Kämpfe. Andere Widersprüche.
Ich romantisiere das nicht.
Aber manchmal wünsche ich mir einfach, meine eigene Identität und mein Zuhause nicht ständig innerlich neu verhandeln zu müssen.
V – Mein Koffer
Es ist immer noch Sonntag.
Ich sitze in der Straßenbahn und setze meine Kopfhörer auf.
Ich höre „Koffer“ von Apsilon.
Vielleicht, weil dieses Lied etwas beschreibt, wofür ich selbst manchmal keine Worte finde.
Dieses Gefühl, dass ein Land dein Zuhause sein kann und dich gleichzeitig immer wieder fragen lässt, ob es dich überhaupt haben möchte. Dass Zugehörigkeit nicht einfach verschwindet, nur weil andere Menschen sie dir absprechen.
Dass ein Pass zwar in eine Tasche passt, aber ein ganzes Leben, eine Identität, Erinnerungen, Familie, Beziehungen und das eigene Selbst eben nicht.
Und diese eine Frage aus dem Lied trifft mich inzwischen anders:
„Sollen wir wieder gehen?“ — Apsilon, Koffer
Wieder.
Allein dieses Wort.
Weil vor uns schon Generationen diese Frage beantworten mussten. Weil Menschen gegangen sind, angekommen sind, geblieben sind, gearbeitet haben, Familien gegründet haben und versucht haben, sich ein Zuhause aufzubauen.
Und jetzt sitze ich hier, Jahrzehnte später, mit einem deutschen Pass in der Tasche und stelle mir trotzdem manchmal dieselbe Frage.
Mein deutscher Pass verändert meine rechtliche Situation. Aber er verhindert nicht, dass ich morgens eine Schlagzeile lese und plötzlich wieder darüber nachdenke, ob ich irgendwann gehen muss oder gehen möchte.
Apsilon singt:
„In einen Koffer passt kein Leben.“ — Apsilon, Koffer
Und vielleicht trifft mich genau das so sehr.
Denn was sollte ich überhaupt einpacken?
Meine Kindheit? Meine Familie? Meine Freund*innen? Die Straßen, in denen ich seit Jahren unterwegs bin? Die Kita-Kinder, die mich auf der Straße erkennen und auf mich zurennen? Meine Kolleg*innen? Die Genoss*innen, mit denen ich versuche, genau dieses Land zu verändern? Meine Erinnerungen?
Welchen Teil davon packt man in einen Koffer? Und welchen lässt man zurück? Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich nicht einfach gehen möchte. Weil dieses Land eben auch meines ist.
Weil Ostwestfalen auch meine Herkunft und Kassel meine zweite Heimat ist. Und weil ich nicht akzeptieren möchte, dass andere Menschen darüber bestimmen, wann ich aufhören soll, mich hier zu Hause zu fühlen. Ich steige aus der Straßenbahn und bin gleich wieder zu Hause. Heute ist Sonntag. Bevor ich nach Hause gehe, hole ich erst einmal Brötchen vom Bäcker. Danach werde ich frühstücken. Ein ganz normaler Sonntag eben. Wie für viele andere auch. Nur dass unter diesem ganz normalen Sonntag dieses eine Gefühl liegt. Und ich weiß, dass es gerade nicht nur mir so geht.
Ich habe Angst.
Aber vielleicht ist genau deshalb die Frage nicht nur, ob ich Angst habe, sondern was ich mit ihr mache. Ich werde weiter widersprechen. Ich werde mich weiter organisieren. Ich werde versuchen, lauter zu sein und andere mitzutragen, wenn sie es gerade nicht können.
Und ich hoffe, dass andere dasselbe tun, wenn mir irgendwann die Kraft fehlt. Denn ich möchte nicht gehen. Ich möchte hier leben.
Und ich möchte mit anderen dafür kämpfen, dass dieses Land ein Ort bleibt, an dem wir das auch können.
Heute hole ich erst einmal Brötchen.
Und morgen mache ich weiter.
