
Eine neue Gedenktafel auf dem Wehlheider Friedhof erinnert daran, dass kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in Kassel und in Guxhagen von der Geheimen Staatspolizei drei entsetzliche Massenmorde verübt wurden.
Kassel – Grausam bis zum Schluss: Am Karfreitag und Ostersamstag, 30. und 31. März 1945, verübte die Kasseler Gestapo unter Leitung von Franz Marmon noch drei Massenmorde, bei denen 118 Menschen getötet wurden. Nur fünf Tage später, am 4. April 1945, marschierten amerikanische Soldaten in Kassel ein, und der Krieg war hier beendet.
Im Beisein von etwa 120 Menschen ist am Freitag, 4. September 2026, eine neue Gedenktafel gegenüber der Kapelle des Wehlheider Friedhofs in der Friedenstraße eingeweiht worden. Sie erinnert an die drei entsetzlichen Massenmorde, die die Gestapo in Kassel und in Guxhagen verübte.
Die vom Ortsbeirat Wehlheiden initiierte und von der Stadt Kassel umgesetzte Tafel geht ausführlich auf diese Endphaseverbrechen ein und erinnert auch an die Entwicklung des Gedenkens. Die Erinnerung an die schrecklichen Massenmorde kurz vor Kriegsende zu bewahren, hatte sich ein Arbeitskreis des Ortsbeirats Wehlheiden zur Aufgabe gemacht.
Arbeitskreis initiierte Gedenktafel
Maßgeblich angestoßen von Mitglied Klaus Hansmann (parteilos/Grüne), von 1997 bis 2026 im Ortsbeirat, erarbeitete der Arbeitskreis zusammen mit Dr. Gunnar Richter die Gedenktafel, die jetzt auf dem Wehlheider Friedhof eingeweiht wurde. Richter ist der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Breitenau.
Klaus Hansmann konnte der Einweihung aus gesundheitlichen Gründen nicht beiwohnen. So sprach Ex-Ortsvorsteher Norbert Sprafke (SPD) für den Arbeitskreis. Ebenso wie die aktuelle Ortsvorsteherin Madlen Freudenberg (Grüne) würdigte er das ehrenamtliche Engagement sowie das – auch finanzielle – Bekenntnis der Stadt Kassel zur Erinnerung an die Nazi-Verbrechen.
Die neue Gedenktafel schafft einen Anlass zur Erinnerung. Denn der Wehlheider Friedhof hat im dunkelsten Kapitel der Kasseler Stadtgeschichte eine besondere und traurige Bedeutung. Hier wurden am Karfreitag 1945 zwölf Gefangene von der Gestapo erschossen. Kurz nach Kriegsende wurden hier außerdem 78 italienische Militärinternierte und ein sowjetischer Zwangsarbeiter beigesetzt, die am Ostersamstag am Bahnhof Wilhelmshöhe von der Gestapo ermordet worden waren.
Schoeller: „Nehmen Gedenk- und Erinnerungskultur ernst“
Auch Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) sprach in der prallgefüllten Friedhofskapelle: „Dies ist ein Anlass, der sehr deutlich und beispielhaft zeigt, wie ernst wir es in unserer Stadt mit der Gedenk- und Erinnerungskultur meinen und dass diese von breiten Teilen der Bevölkerung getragen wird“. Er fügte hinzu: „Wenn wir daran erinnern, was in unserer Stadt, oft in unmittelbarer Nachbarschaft geschah, wenn wir Orte hervorheben, die in der Geschichte unserer Stadt während des Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung haben, dann geben wir den Stimmen der Opfer und ihrer Angehörigen Raum und halten mahnend vor Augen, wohin Ausgrenzung, Rassismus und die Missachtung der Würde des Menschen führen können.“
Schoeller würdigte die Erinnerungsarbeit der deutsch‐italienischen Gemeinde in Kassel unmittelbar nach dem Krieg. Sie hatte bereits 1946 drei Gedenksteine für ihre 78 getöteten Landsleute errichtet. Doch die Erinnerung verblasste. Denn: Schon 1956 wurden die italienischen Leichname exhumiert und auf einen Ehrenfriedhof nach Frankfurt am Main überführt. Die Gedenksteine wurden abgebaut und gelten seitdem als verschwunden. Auf der neuen Gedenktafel sind Fotos zu sehen, die die Gedenksteine zeigen, wie sie damals auf dem Wehlheider Friedhof standen.
Verbrechen geriet in Vergessenheit
Noch heute erinnert die ANPI, der Verband der PartisanInnen Italiens, an das Schicksal der italienischen Militärinternierten in Nazi-Deutschland und an den Widerstand gegen den Faschismus. Eine Vertreterin der ANPI aus Frankfurt am Main war daher ebenfalls zur Einweihung der Gedenktafel angereist. Die Militärinternierten waren Soldaten, die nicht bereit waren, an der Seite der Wehrmacht in Italien weiterzukämpfen und wählten stattdessen den Weg in die Gefangenschaft im sich auflösenden Deutschen Reich.
Ohne die Gedenksteine geriet das Verbrechen an den Massenmord am Bahnhof Wilhelmshöhe in Vergessenheit und wurde, wie auch die beiden Massenmorde am Karfreitag 1945 an 28 Gefangenen des Arbeitserziehungslagers Breitenau in Guxhagen sowie an den zwölf Häftlingen in Kassel, erst ab den 1980er-Jahren aufgearbeitet. Auf dem Wehlheider Friedhof wurde 1985 vom Ortsbeirat Wehlheiden eine Gedenktafel für die zwölf Ermordeten eingeweiht, und seit dieser Zeit finden dort jedes Jahr am Karfreitag Gedenkveranstaltungen statt.
Die Stadt Kassel hat auf ihrer Website eine ausführliche Darstellung der Gedenkorte im Stadtgebiet eingerichtet. Dort ist nun auch der Wehlheider Friedhof als Gedenkort hinterlegt.
Hinweis: Mit Material der Pressestelle der Stadt Kassel.













