
Jedes Jahr kommt die Wohnungsbaugenossenschaft zusammen: zur Mitgliederversammlung mit straffer Tagesordnung, Ehrungen für älteste und jüngste Mitglieder, Abstimmung per Handzeichen. Wie jedes Jahr. 2026 mit eigener Reportage.
Kassel – Mitgliederversammlung Ende Mai 2026: Die Wohnungsbaugenossenschaft Bauverein 1894 Kassel eG kommt – wie jedes Jahr – pflichtgetreu zusammen. Wo? Bei Eppo’s an der Damaschkestraße – „Ihre Veranstaltungsstätte in Kassel“.
Sind auch alle da? Stehtische, an denen Angestellte Listen führen. Name, Unterschrift. Zu den Genossen setzen.
Kurzarmhemden. Bunte Blusen mit Blumenmustern, Mustern. Kariert, verspielt, raubkatzig. Kurzhaarfrisuren, graue Haare, gefärbte Haare. Getränke kostenlos. Weizenbiergläser, in einer halben Stunde bis auf Schaumreste geleert.
Vorne: der Vorstand mit Aufsichtsrat, zu acht – komplett. Vier Frauen, vier Männer. Alle über 50. Größer als noch im Vorjahr. Die Fusion mit der WBG 1946 war erfolgreich.

Wo die Mächtigen tagen
Bei Eppo‘s tagen auch andere Genossen. Links am Eingang an der Wand: Gerahmte Autogrammkarten von Geselle, Lewandowsky, Eichel – Politikern. Viel SPD, auch CDU, keine Grünen. Bürgermeister, Landesoberhäupter, Politprominenz. Männer – und auch zwei Frauen – in Macht und Pose.
Holztische aus Eichenfurnier. Passende Stühle mit Samtbesatz. Schwüle Hitze: 25 Grad im Saal. Blick aus dem Fenster: der Trainingsplatz des lokalen Topklubs. Junge Männer spielen sich Bälle zu. Bei über 30 Grad in der Sonne.
Vorstand 2 tuschelt, unterbrochen von der fiependen Rückkopplung seines Headsetmikros. „Ich muss ein Lob aussprechen. Hervorragende Zusammenarbeit.“
Nervosität. Ungeduld aufs Essen. Grünes gefüllte Papiertütchen mit weißer Fadenbindung als Geschenk auf jedem Tisch: „Nerven Nahrung“.
Respektvoller Umgang
„Wir machen irgendwas richtig. Und das als kleine Genossenschaft. Finde ich gut“, sagt Vorstand 1.
Verloren hängt ein Kronleuchter an der Decke, die wie eine Grotte verputzt ist. Schloss Versailles trifft auf Amalfiküste. Vor den Fenstern: schwarze Samtvorhänge mit silbern-glitzernden Kringelmustern.
Vorstand 2 kommt wieder ans Mikro: Spricht undeutlich, schleift Wörter. Keine Betonung. Poplaute aus dem Aktivlautsprecher. Liest ab. Getränke werden eingeschenkt. Waldecker Gourmet 0,7 Naturell sowie Classic auf jedem Tisch. Mägen knurren. 40 Minuten geschafft.
Ein Kleinkind quengelt umso lauter, je länger die Sitzung. Ein Handy klingelt und wird hastig ausgestellt. Der Aufsichtsratsvorsitzende versucht sich am Witz: „Wer sein Handy klingeln lässt, muss nächstes Mal ein Gedicht aufsagen.“ Respektvolles Gelächter.

Vorfreude aufs Essen
Bilanzgewinn: 64 Tausend Euro. Vier Prozent Dividende. Aufatmen, ausatmen. Die Luft ist stickig.
Lob, wie bestellt, aus dem Publikum. Ein älterer Herr beklatscht artig den Vorstand. Entlasten? „Bei der Leistung keine Frage.“ Alles geht schnell. Nur Gegenstimmen und Enthaltungen werden gezählt. Die Rufe nach dem Essen werden immer hörbarer: „Was gibt’s denn? Guck doch mal!“
Alles einstimmig. Wie beim Zentralkomitee. Bitte endlich: Erlaubnis zum Spachteln. Jetzt! Die Vorfreude steigt. Ja! Ablehnungen? „Nee. Nimm’s an. Ich will was essen.“ Wiederwahl. „So soll’s sein!“ Vorstand 1: „Auch meine Wiederwahl?“ „So isses, ist schon klar.“ – „Die wissen doch genau, dass wir Kohldampf haben.“
Älteste werden geehrt. 80 Jahre. 89 Jahre. 89 Jahre. 91 Jahre. 95 Jahre. Besonderer Applaus. Blumenstrauß. Währenddessen: „Ich will mich schon mal anstellen!“ Großes Vertrauen in den Vorstand.

Aufregung über Gehälter
Die fünf Jüngsten werden auch gelobt, da zu sein. Ihr Präsent: ein Gutschein vom neuen Café am Königsplatz. Der Jüngste: 27 Jahre. „Sag bloß, die fünf sind alle da!?“
Lautes Hallo in Richtung Kellner: „Ich will auch noch einen Schoppen.“ Geselligkeit. „Da hinten haben sie schon angefangen.“ Die Schlange vor dem Buffet wird länger.
Dann Aufregung: „Die Gehälter sind um 52 Prozent gestiegen. Keine Möglichkeit für Fragen. Das war letztes Jahr anders.” Der circa 50 Jahre alte Mann mit leichtem russischen Einschlag: „Ich habe BWL studiert. Ich weiß, was das bedeutet.“ Erregt und aufgebracht, gebeugt mit anderen Nasen über den ausgedruckten Geschäftsbericht.
Lauter volle Teller: Braten mit Sauerkraut und Brötchen. Senfhaufen am Tellerrand. Den Abend ausklingen lassen. Nächstes Jahr aufs Neue.
