
Werke schließen, Verbrenner dürfen auch nach 2035 gebaut werden und Klima und Mensch ächzen unter Abgasen und Blechlawinen: Wie kommt man aus dieser Situation heraus? Darauf will ein neues Buch Antworten geben. Die Autoren stellten es jetzt in Kassel vor.
Die Tagesschau berichtet am Abend (11. Dezember 2025, 20-Uhr-Ausgabe), die Zeitungen drucken tags darauf: Das „Verbrenner-Aus“ kommt doch nicht. Stattdessen wird die EU-Kommission wohl beschließen, dass auch nach 2035 noch Verbrenner neu zugelassen werden dürfen. Das Auto, deutsches Kulturgut, immer eine Nachricht wert.
Also noch ein bisschen Aufschub für die deutschen Autokonzerne, die sich seit Jahren neu erfinden wollen. Doch können sich die VW-Arbeiter jetzt über sichere Arbeitsplätze freuen? Und das Klima darüber, dass es zumindest einen Minimalkonsens gibt (90-prozentige Reduktion des CO₂-Ausstoßes)?
Für Mobilitätsexpertin Katja Diehl, VW-Arbeiter Thorsten Donnermeier und Aktivist Tobi Rosswog ist die Sache klar: Eine Klima-, Verkehrs- und Wirtschaftswende sieht anders aus. Sie laden daher ein „zum Kampf für das gute Leben für alle“, wie es im Untertitel ihres neuen Buches „Nehmen wir das Leben wieder selbst in die Hand“ (Verlag Buchmacherei, 142 Seiten) heißt. Mit „alle“ sind für sie wirklich alle gemeint, nicht nur die Chefs und Großaktionäre der Autokonzerne.
(Keine Werbung, lediglich ein Hinweis auf das Verlagsangebot. Ich verdiene nicht an der Verlinkung.)
Autoren stellen ihr Buch in Kassel vor
Auf ihrer Promotions-Tour durch Deutschland machen die Autoren auch in Kassel halt. Am Donnerstag, 11. Dezember 2025, stellen sie ab 19 Uhr ihr Werk im linksalternativen Café Buch-Oase vor. Tobi Rosswog fehlt dabei krankheitsbedingt, moderiert wird das Podium von Kiki Nelle, die an der Konzeption des Buches beteiligt war. Geschätzt circa 30 Menschen hören zu und diskutieren anschließend.
Und zu diskutieren gibt es viel, schließlich ist das Thema Verkehrswende „ein richtig großer Batzen“, wie es Kiki Nelle in ihrer Anmoderation vorwegnimmt. Wie kann die Autoindustrie umgebaut werden? Welche Alternativen gibt es zum Kurs, den die Konzerne heute einschlagen? Ist womöglich Vergesellschaftung die Lösung? Was ist mit der Umwidmung von Auto- zu Rüstungswerken, die laut Medienberichten immer wahrscheinlicher wird?
Thorsten Donnermeier feiert an diesem Abend ein Heimspiel. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet er im VW-Werk in Baunatal und sieht sich als gelernter Betriebsschlosser und Gewerkschafts-Aktivist auf der Seite der Arbeitenden, wie er sagt. Katja Diehl haftet ebenfalls stark an der Mobilitäts- und Logistikbranche. 15 Jahre hat sie in diesem Bereich gearbeitet. Trotzdem werde ihr von manchen Autochefs die Fachkompetenz abgesprochen, berichtet sie. Dennoch ist sie heute eine gefragte Mobilitätsexpertin und Autorin. Ihr Buch „Autokorrektur“ wurde 2022 zum Bestseller.
Der private Pkw ist das Problem
Auf 44 Millionen Haushalte kommen in Deutschland 49 Millionen Autos. „Dann müsste doch jeder an sein Ziel kommen? Also alles tutti?“, fragt Kiki Nelle provokant in die Besucherreihen. Eine rhetorische Frage, klar. Stattdessen würden immer mehr Menschen heute hinterfragen, ob das alles so gut ist, wendet Katja Diehl ein. Manche (vor allem Männer) würden jedoch auch aggressiv, wenn sie ihr Statusobjekt in Gefahr sehen, andere dagegen – zu denen sie sich selbst zählt – schauten einfach auf die Fakten, wie ein Buchhalter auf eine Zahlenreihe in einer Exceltabelle. Geht das überhaupt auf?
Dass der private Pkw das Problem ist, lasse sich nicht verleugnen. „Die meiste Zeit steht der nur herum“, so Diehl. Dennoch gebe es in der Gesellschaft keine Vision für ein Leben ohne Auto. Abhängig von Autos zu sein, werde oft immer noch mit Freiheit verwechselt. „Es braucht Menschen, die sich trauen, dieses System zu hinterfragen.“ Schließlich ist ihr zufolge fast die Hälfte der Bevölkerung von Mobilität ausgeladen: Minderjährige, Menschen mit Einschränkungen und diejenigen, die keinen Führerschein besitzen – zusammen etwa 40 Millionen Menschen in Deutschland. „Das System ist scheiße“, daraus macht Diehl keinen Hehl. Gleichzeitig könne sie zwar vieles über das System Auto sagen, aber für diejenigen, deren Jobs am Auto hängen, die am Band arbeiten, könne sie nicht sprechen. Dafür ist Thorsten Donnermeier da. Ja, wie steht es denn um die Arbeitnehmer?
Von Aufbruchsstimmung dank sicherer Arbeitsplätze könne keine Rede sein, so Donnermeier. „Weltweit gibt es Überkapazitäten.“ Zu wenig Nachfrage nach neuen Modellen, gesättigte Märkte, aber auch Auftragsflaute aufgrund der mauen Konjunktur. Bei Ford in Saarlouis ist im November der letzte Focus vom Band gerollt, das Werk schließt. Im Frühjahr musste das Audi-Werk in Brüssel dicht machen. Auch bei VW in Dresden wird die Produktion Ende des Jahres eingestellt. Allein 2025 seien in der Autobranche 48.000 Stellen abgebaut worden. „Das bedeutet für die betroffenen Standorte Deindustrialisierung“, so Donnermeier. Denn ohne die Kaufkraft der Autoarbeiter könnten die Orte ihre Infrastruktur nicht halten. Neben der Nahversorgung fällt dann irgendwann auch die Kita weg.
„Wer entscheidet, was wir produzieren?“
Wie kann man daran etwas ändern? „Da gibt es zuweilen eigenartige Vorstellungen“, übt sich Donnermeier in Galgenhumor. In Osnabrück, wo die Bücherreise zuvor Halt machte, sei etwa eine Umwidmung des VW-Werks im Gespräch. Rheinmetall hält das Werk für gut geeignet, dort Panzer herzustellen. Donnermeier hält die Rüstungsproduktion jedoch für bedenklich. Schließlich könne man das Werk auch zur Produktion von Straßenbahnen nutzen. „Wir hören aber immer, das sei unmöglich.“ Dabei hätten er und seine Kollegen ja nicht „Autobauer“ gelernt. Diese Berufsbezeichnung gebe es nicht einmal. Stattdessen arbeiten bei VW und anderen Autokonzernen Betriebsschlosser, Elektriker und viele andere Berufsgruppen, die ihre Kraft genauso gut für ein anderes Produkt einsetzen könnten. Letztlich laufe es auf die Frage hinaus: „Wer entscheidet, was wir produzieren?“
Die Arbeitnehmer seien es jedenfalls nicht. „Wir bestimmen nicht über die Produkte und auch nicht darüber, was mit den Profiten geschieht.“ Und er fügt hinzu: „Wir haben abgewöhnt bekommen, über das Produkt nachzudenken. Schließlich verdienen wir unser Geld mit dem Verkauf unserer Arbeitskraft und nicht mit dem Produkt.“ Das Diktat zur Produktion komme aus der Geschäftsleitung, die die Aktionäre befriedigen will, die Profit und somit Dividende erwarten.
Die Folge: Die Arbeitgeber und ihre Verbände wollen, dass mehr (Flexibilisierung) und länger (Rentenalter) gearbeitet werden soll. „Und das, obwohl es zu wenige Aufträge gibt“, wundert sich Donnermeier. Er sei sich bewusst, mit seiner Meinung im Kasseler Werk nicht für die Mehrheit der Arbeitnehmer zu sprechen. Für ihn sei Ziel, sinnvolle Produkte herzustellen, die der Allgemeinheit dienen. Die das Klima nicht zerstören und anderen Menschen nicht schaden. Im Gespräch mit Kollegen zeige sich jedoch eher Resignation. „Andere Produkte? Das halten viele für unmöglich“, berichtet er.
Von internationaler Solidarität nichts zu spüren
Katja Diehl hat dagegen Vorstellungen davon, was statt Autos produziert werden sollte. Etwa könne man Autos auf Elektroantrieb umrüsten (Retrofit). „Das wäre profitabel“, sagt sie. Stattdessen würden jedoch Leute belächelt, die in Politik und Wirtschaft noch Visionen haben, anstatt zum Arzt zu gehen. Kritik übt sie auch an der Werbeindustrie, die den Status quo aufrecht hält: „Chapeau, dass wir das dank euch als Freiheit empfinden.“
Eine Frau fragt aus dem Publikum: „Wie kriegen wir das hin, uns solidarisch zu zeigen und warum gibt es eigentlich keinen Generalstreik?“ Thorsten Donnermeier berichtet, dass sich die Solidarität zuweilen eher gegenüber dem Konzern äußere. Im VW-Werk Baunatal ist vom „Kasseler Weg“ die Rede, an anderen Standorten vom „Volkswagen-Weg“. Das Mantra der „modernen Betriebsfamilie“: „Wie schaffen wir es als Belegschaft, gemeinsam mit der Konzernspitze die Standorte zu halten?“ Das laufe eigentlich immer darauf hinaus, noch effizienter und billiger zu arbeiten. Von internationaler Solidarität, Donnermeier erinnert an die Schließung des Audi-Werks in Brüssel, sei nichts zu spüren. Gehorsam statt Widerstand.
Dass nun womöglich Waffen statt Autos in VW-Werken gebaut werden sollen, sei auch vor diesem Hintergrund nicht akzeptabel. Schließlich habe VW auch in Russland ein Werk gehabt. „Wollen wir jetzt Waffen herstellen und auf ehemalige Kollegen richten?“, fragt Donnermeier. „Die Waffen richten wir ja nicht auf Putin, sondern auf Menschen wie du und ich.“ Doch in der Belegschaft sei dieses Klassenbewusstsein nicht stark ausgeprägt. „Ein chinesisches Getriebe in einem deutschen Auto? Das geht ja gar nicht“, würden viele Kollegen sagen. Nationalistische Überheblichkeit statt internationaler Solidarität.
Bezüglich Generalstreik: Das deutsche Recht sehe einen Streik aus politischen Gründen nicht vor, was somit auch für einen Generalstreik gelte. Die Arbeit darf nur in Tarifstreitigkeiten niedergelegt werden. Sonst müssten die Streikenden für den wirtschaftlichen Schaden aufkommen und könnten gekündigt werden. Jedoch seien derart drastische Konsequenzen unrealistisch, wenn alle zwei Millionen IG-Metall-Gewerkschaftsmitglieder streiken würden, so Donnermeier. „Die könnten ja nicht alle rausschmeißen.“