
Wie schaffen es Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt mit ihrem Podcast „Wohlstand für Alle“ in der heutigen ausdifferenzierten Medienwelt hervorzustechen? Bei der Ringvorlesung „Wissen, Wirken, Werden“ des Instituts für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn haben sie Einblicke in ihre Arbeit gegeben.
Die Podcaster, YouTuber und Autoren Ole Nymoen und Wolgang M. Schmitt veröffentlichen seit 2019 wöchentlich ihren linken Wirtschaftspodcast „Wohlstand für Alle“ („WfA“). Dabei gelingt ihnen, was Wissenschaft oft misslingt: die Kommunikation von komplizierten Themen. Was ist ihr Erfolgsrezept? Und inwiefern erklärt sich ihr Erfolg allein durch die Möglichkeiten, die das Internet zur Inhaltserstellung und -vermarktung bietet?
Im HeinzNixdorf MuseumsForum in Paderborn sollten sie dazu am Dienstag, 9. Dezember 2025, Auskunft geben. Eingeladen hatte das Institut für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn im Rahmen der Ringvorlesung „Wissen, Wirken, Werden – Radikale Fragen an Wissenschaft, Kunst und Technik“. Dem Institut zufolge untersucht die Ringvorlesung Praktiken, Orte und Herausforderungen heutiger Wissensproduktion. Geschätzt gut 100 Studierende und interessierte Gäste nahmen daran von 19 bis 20.30 Uhr teil.
Das Institut, vertreten unter anderem durch die Mediensoziologin Larissa Lenze, interessierte der Blick der Praktiker auf den neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit und die damit einhergehenden Wissensproduktionen und -vermittlungen: „Sind die Kanäle, wie Marshall McLuhan glaubte, tatsächlich magisch? Wie sehr bestimmt die Performanz den Inhalt bzw. ist die Performanz selbst der Inhalt? Wie kommt es zu der Gleichzeitigkeit von 15-Sekunden-Videos und 5-Stunden-Podcasts?“

Ole Nymoen: „Ich war wissensdurstig“
Mit Magie halten sich die Podcaster nicht auf. Sie entzaubern ihre Arbeit bereits ganz zu Beginn ihres Vortrags, den Sie als Live-Podcast gestalten. „Wie magisch sind denn die Kanäle, die wir bespielen?“, fragt Wolfgang M. Schmitt seinen Podcast-Partner. „Wenig magisch!“, kommt es aus Ole Nymoen herausgeschossen. Mit der Arbeit am gemeinsamen Podcast habe er noch vor seinem Studium angefangen, als er eine Ausbildung zum Mediengestalter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) absolvierte, sagt er. „Ich war wissensdurstig“, erinnert sich Nymoen an diese Zeit. Für ihn sei es dank seiner Erfahrung in der Mediengestaltung keine Hürde gewesen, selbst zum Medienproduzenten zu werden.
In ihrem Podcast spüre man die Abgrenzung zum akademischen Betrieb, erklärt Schmitt. „Worum handelt es sich, wenn wir dort sprechen?“, fragt er. Auf jeden Fall sei das keine Vorlesung. Zwar stütze man sich auf wissenschaftliche Texte, man produziere jedoch selbst keine Wissenschaft. „Wir vermitteln Wissen, obgleich wir es selbst nicht generieren.“ Dennoch begnüge man sich nicht damit, lediglich die Debatte abzubilden. Wichtig sei, auch Einordnung zu bieten. „Wissen zu vermitteln, ist unser Anspruch“, bekräftigt Schmitt.
Politisch Linke würden häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, identitätspolitische Themen in den Vordergrund ihrer Analyse zu stellen. Die Ökonomie, klassisches linkes Thema, komme dagegen zu kurz. Diese Auffassung hätten beide geteilt. „Unser Ziel war, uns selbst beizubringen, dass Wirtschaft anders gedacht werden kann“, sagt Schmitt.
Interessant, aber nicht unbedingt unterhaltsam
Ohne Unterhaltung sei Wissenschaftskommunikation jedoch schwierig, gesteht Schmitt. „Aber wie viel Entertainment muss es sein?“ Bei „WfA“ sei das Ziel, interessant zu sein, aber nicht unbedingt unterhaltsam. Dennoch gingen die Podcast-Folgen über die reine Vermittlung hinaus. „Es entsteht etwas Zusätzliches, wenn man darüber redet, etwas Drittes.“
Nymoen: „Oft wird einfach zu viel bereits vorausgesetzt, was man nicht voraussetzen kann.“ Als Beispiel nennt er die EZB-Geldpolitik, die in der Tagesschau oft Thema sei. In weniger als zwei Minuten könne man eine derart komplizierte Sache einfach nicht erklären. Um solche Themen in ihrer Breite zu vermitteln, benötige es viel längere Formate. Daher habe er hier durchaus Verständnis für die Nachrichtenjournalisten. „Das ist nicht reine Böswilligkeit der Macher.“
Schmitt ordnet ein: „Bis vor 20 Jahren befanden wir uns in der Zeit der Linearität. Während das eine passiert, kann nichts anderes stattfinden.“ Damals habe es einen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit gegeben. Mit dem Aufkommen von YouTube sei das Zeitalter der Parallelität angebrochen. Obwohl damit für das Publikum eine Wahlfreiheit bei den Inhalten entstanden sei, könne man gleichzeitig im negativen Sinne von einer Spaltung sprechen. Neutral formuliert: Das Publikum hat sich ausdifferenziert.
„Jeder und jede kann senden“
Zumindest stellte das Senden von Inhalten ab diesem Punkt kein ökonomisches Problem mehr dar. „Jede und jeder kann senden.“ Bis auf eine stabile Internetverbindung, eine Kamera und ein Mikrofon – alles günstig zu bekommen – gebe es kaum noch Voraussetzungen. Die Gatekeeper, öffentlich-rechtliche und private Rundfunksender, gibt es nicht mehr. Auch der Quotendruck entscheidet für Content Creator nicht mehr darüber, ob das eigene Format überhaupt gesendet werden kann.
Ob das eigene Format erfolgreich ist, stehe dagegen auf einem anderen Blatt. Mittlerweile habe „WfA“ jedoch seinen Platz in der deutschen Podcast-Landschaft gefunden. „Wir haben 40.000 bis 50.000 Hörer pro Woche“, erklärt Nymoen. „Das ist schon sehr viel, wenn man es mit einem akademischen Publikum vergleicht“, ergänzt Schmitt. Vor allem bei einem Nischenthema.
Dabei könnte der Erfolg durchaus größer sein, sind beide überzeugt. „Wir haben nicht die Mittel zur Aufmerksamkeitsgeneriererung, um unseren Podcast zu vermarkten“, sagt Schmitt. Plakate in der Stadt oder Anzeigen bei Instagram: Dafür sei kein Budget da. Stattdessen setze man auf Mundpropaganda und persönliche Empfehlungen.
Kritik an öffentlich-rechtlichen Laberpodcasts
Andererseits könne man sich mit dieser Vorgehensweise treu bleiben. Schmitt und Nymoen kritisieren in diesem Zusammenhang neue Podcastformate der Öffentlich-Rechtlichen, die auf fragwürdige Weise erfolgreiche Konzepte kopieren würden: geschwätzige Laberpodcasts und polarisierende Streitgespräche. Für vertiefende Formate bleibe da kein Platz. Auch die beiden seien schon angesprochen worden, ob sie ein Format für den ÖRR beisteuern wollten. „Aber das ging nie durch die Räte durch“, erklärt Nymoen.
Dass der Erfolg nicht von selbst kommt, kann Wolfgang M. Schmitt im Hinblick auf seinen YouTube-Kanal „Die Filmanalyse“ bezeugen. „In den ersten drei Jahren gab es kaum Interesse“, sagt er über seinen 2011 gegründeten Kanal. Als Marke sei Schmitt jedoch herausgestochen, findet Nymoen. Er betont, dass es wichtig sei, seine eigene „Brand“ mit Wiedererkennungswert zu erschaffen. Das sei ohne den Willen, für das Publikum ein Stück weit eine Performance aufzuführen, aber kaum möglich. Auch als Wissenschaftskommunikatoren könne man sich dem nicht entziehen.
Am Anfang der gemeinsamen Zusammenarbeit habe man sich daher grundlegende Gedanken gemacht, um ein breites Publikum zu erreichen: „Wie treten wir auf? Wie sprechen wir? Wie nehmen wir uns auf?“ Auch worüber man twittert und welche Auswirkungen das haben könne, müsse man immer im Kopf haben, sagt Nymoen augenzwinkernd, der unter anderem mit seiner Wehrdienst-kritischen Haltung des Öfteren auf X (vormals Twitter) angeeckt ist.
„Wir werten nicht laufend Statistiken aus“
Unerlässlich sei es, aktiv zu sein und das Publikum spüren zu lassen, dass man da ist, wie Schmitt ausführt. Aus diesem Grund gäben sie im Podcast nicht nur Wissen wieder. Wichtig sei, sich die Bälle hin und her zu spielen, um eine Dramaturgie zu erzeugen.
Obgleich ihnen die Eckdaten ihres Podcasts-Erfolgs bekannt seien, „werten wir nicht laufend Statistiken aus“, beteuert Nymoen. Und: „Wir fragen uns auch nicht: Was läuft am besten?“ Stattdessen: „Welche Themen interessieren uns selbst?“ Dadurch nähmen sie auch schlechte Klickzahlen in Kauf: „Historische Themen werden eigentlich immer schlecht aufgerufen.“ Mit dieser Ehrlichkeit hoffen sie laut Nymoen ein Publikum anzusprechen, das ihnen treu bleibt.
Das eigene Interesse als Antrieb: Für Ole Nymoen, der nach seiner RBB-Ausbildung einen Bachelorabschluss in Soziologie und Wirtschaftswissenschaften machte, ist „WfA“ ein „Herzensprojekt“, wie er sagt. Für ihn erklären sich die politisch Linken einfach viel zu wenig, wie die Ökonomie funktioniert. Seine Aufgabe im Podcast sehe er darin, selbst Fragen zu stellen: „Was könnte andere Leute daran interessieren?“ Und: „Wie mache ich das interessant für sie?“
„Wir müssen rein in die Lektüre“
Sowohl Nymoen als auch Schmitt ist klar, dass sie sich mit ihrer linken Sicht, die sie nicht verbergen, angreifbar machen. Schließlich poche man in der Wissenschaft oftmals noch auf die Werturteilsfreiheit. Sie dagegen würden ihre aktivistische Haltung nicht verschleiern. „Manche Journalisten im ÖRR, die ich kenne, sind da viel vorsichtiger“, berichtet Nymoen. Doch gerade diese Haltung mache den Podcast ehrlich. Man bekomme Rückmeldungen, dass auch Konservative einschalten, um eine andere Perspektive als die Ihrige mitzubekommen.
Ein Rezept sei außerdem, so Schmitt, dass man sich nicht als Moderatoren-Duo begreife, das lediglich für sie geschriebene Texte vorlese. Diesbezüglich kritisieren sie den YouTuber Mirko Drotschmann (MrWissen2go), der in ihren Augen oftmals haarsträubende Unwahrheiten vor einem Millionenpublikum verbreitet. Statt sich das Wissen selbst mühsam anzueignen, würde er es mit seiner poppigen und schrillen Art unzulässig verkürzen, so ihr Vorwurf. Ihr Ansatz sei aufwändiger: „Wir müssen rein in die Lektüre.“ Schmitt betont die Sekundärliterarizität von „WfA“: erst lesen und dann sprechen. Dass sie damit heute immer mehr zur Ausnahme werden, sei ihnen bewusst. Auf der Live-Streaming-Plattform Twitch seien Reaction-Videos gang und gäbe. Statt das Wissen zu verdichten, werde ad hoc reagiert, kritisiert Schmitt.
Bei einer Sache hätten sie es dagegen einfach im Vergleich zur Wissenschaft. „Wir können uns frei von der Methodologie machen“, sagt Nymoen. Heißt: Der anstrengende Ausweis von wissenschaftlicher Herangehensweise entfällt. Stattdessen verweisen die Podcaster auf Quellen in der Beschreibung ihrer Podcast-Episoden.
„Wir haben Adam Tooze groß gemacht!“
Nach sechs Jahren und 331 (normalen) Podcast-Episoden (Stand: 10. Dezember 2025) können Schmitt und Nymoen zuweilen die Früchte ihrer Arbeit ernten. Heterodoxe Ökonomik, also Wirtschaftswissenschaften abseits des Mainstreams, sei heute viel bekannter, was auch an ihrem Format liege. Heutige Studierende würden ihre Dozenten immer häufiger mit Podcastwissen, auch aus „WfA“, konfrontieren. Die Herangehensweise „Rezipieren und Popularisieren“ gehe auf. Mit einem Augenzwinkern versteigen sie sich in die These: „Wir haben Adam Tooze groß gemacht!“ Der Wirtschaftshistoriker war einem Fachpublikum freilich schon vorher bekannt, doch ohne Frage haben die häufigen Bezüge in „WfA“ zu dessen heutiger Bekanntheit in Deutschland beigetragen. Realisten genug sind Schmitt und Nymoen jedoch, um ihre Zielgruppe als „kritische, kleine Öffentlichkeit“ zu beschreiben.
Finanziell dagegen ist der für alle erhoffte Wohlstand auch für die Podcaster nur begrenzt eingetreten. Obwohl die Produktionsmittel (Mikrofon, Webcam, Schnittprogramm) praktisch kostenlos seien, sei das Podcast-Geschäft nicht ohne Aufwand zu haben. „Der zeitliche Aspekt spielt die größte Rolle“, sagt Nymoen. „Man muss es sich leisten können.“ Allzu viele Finanzierungsmöglichkeiten gebe es nicht, fügt Schmitt hinzu. Neben Einkünften aus Werbung und Spenden gebe es eine Paywall für Zusatzinhalte. „So sind wir unabhängiger von Einnahmeschwankungen.“ Letztlich gebe es aber keine andere Möglichkeit, als sich dem Markt zu stellen. Denn auch Drittmittel oder staatliche Finanzierung gebe es im Podcastbereich nicht. Der Schritt ins Fernsehen scheitere an den Strukturen der Öffentlich-Rechtlichen. So sei man zufrieden mit dem, was man hat: Freiheit. Ohne wirtschaftlichen Erfolg bleibe das Podcasten nur als Lieberhaber- oder Nebenbeiprojekt.