Der Fall Collien Fernandes: Der „erste Schritt“ als Vorbote für die Vergewaltigung der Frau

Veröffentlicht am Kategorisiert als Gedanken Keine Kommentare zu Der Fall Collien Fernandes: Der „erste Schritt“ als Vorbote für die Vergewaltigung der Frau
paola chaaya eAkjzXCU0p0 unsplash
paola chaaya eAkjzXCU0p0 unsplash
Nicht alle Männer, aber immer ein Mann! (Foto: Paola Chaaya/Unsplash)

Die Scham wechselt die Seiten und Deutschland ist erschüttert. Collien Fernandes macht anhand ihres persönlichen Schicksals öffentlich, wie Männer Frauen allzu häufig Leid zufügen. Welche Rolle spielt dabei „der erste Schritt“?

Kassel – Ganz Instagram-Deutschland beschäftigt der Fall Collien Fernandes/Christian Ulmen. Jahrelang soll der Schauspieler sich im Internet als seine damalige Frau ausgegeben und teils sexuelle Chat-Kontakte mit fremden Männern in ihrem Namen gehabt haben.

Nicht alle Männer, aber immer ein Mann! Ich kann für mich sagen, dass ich einer Frau keine Gewalt zugefügt habe. Aber was ist das wert, wenn es Tausende andere Geschlechtsgenossen gibt, die zu Tätern werden? Die meisten Fälle werden nicht in der Tagesschau berichtet. Darunter zu leiden haben die Opfer im Privaten, Solidarität Fehlanzeige.

Gleichzeitig beschäftigt mich, welche Rollenerwartungen Männer begegnen. Aus eigener männlicher Betroffenheit. Aber nicht, um zu implizieren, dass ich unter diesen Erwartungen zu leiden hätte. Lediglich als Feststellung: (Cis-)Männer suchen sich ihre Rolle in der (westlichen) Gesellschaft genauso wenig aus wie (Cis-)Frauen. Es handelt sich um ein soziologisches Verhältnis.

Mann aktiv, Frau passiv

Eine Frage, die mich schon lange beschäftigt, lautet: Warum muss ein Mann vermeintlich immer den ersten Schritt machen? Steht diese Frage womöglich ganz am Anfang?

Wenn von einem Cis-Mann erwartet wird, dass er den ersten Schritt macht: Wird von ihm dann nicht auch erwartet, dass er als erster sexuelles Begehren äußern darf, aktiv sein darf, sich aufdrängen und eindringen darf in den intimen Raum einer weiblichen Person?

Dies soll keine Entschuldigung dafür sein, dass Männer ihre körperliche Überlegenheit ausnutzen, um sexuelle Befriedigung zu erlangen.

Dennoch spielt in meinem Empfinden die soziale Rolle, die ein Mann in westlichen Gesellschaften ausübt, eine wesentliche Rolle, weshalb er und nicht sie zum Täter wird. Er soll aktiv auf sie zugehen. Er soll sein Verlangen ausdrücken. Er soll mutig und stark sein. Sie zurückhaltend und passiv.

Überbetonung einer Norm

Erstaunt es da, dass sie zum Opfer wird und er zum Täter? Als Überbetonung einer gesellschaftlichen Rolle?

Seinem Crush zu eröffnen, romantische Gefühle oder sexuelle Anziehung ihm gegenüber zu empfinden, ist im besten Fall keine Herausforderung, keine Last. Wenn die gesellschaftliche Erwartung, die Norm, diese Rolle aber einzig dem Cis-Mann auferlegt, dann überrascht es nicht, dass er sich mitunter ermutigt fühlt, diese Rolle auszufüllen, gar überzubetonen. Die Frau als Objekt, das es sexuell zu erobern/auszubeuten gilt, ohne Grenzen.

Gleichzeitig sorgt diese Erwartungshaltung, der sich die meisten Cis-Frauen fügen, dafür, dass Cis-Männern auferlegt wird, aktiv zu sein – ohne Rücksicht auf ihre individuelle Disposition. Reiß dich zusammen, sprich sie an. Als wäre allein die cis-männliche Neigung Garant dafür, auf Zuneigung zu stoßen.

Ist es denn in der menschlichen Bedingtheit angelegt, dass Mann Frau erobern muss – und andersherum undenkbar ist? Wohl kaum.

Reflexion kann verlangt werden

Woran liegt’s? Am Patriarchat, na logisch! Aber liegt es allein am männlichen Geschlecht, ein gesamtgesellschaftliches System zu überkommen?

Wer soll den Männern vermitteln, dass sie nicht aktiv, stark, groß, kantig, laut, mutig usw. sein müssen, um es verdient zu haben, als liebenswürdig zu gelten? Sollen sie es selbst tun? Ja, auch, natürlich. Von jedem Menschen kann Reflexion erwartet werden.

Dies bedeutet im gleichen Atemzug: auch von Cis-Frauen. Sollen sie den bestehenden gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden? Passiv, weich, schwach? Soll es ihnen genügen, diese Rolle auszufüllen? Sonst was? Gelten Cis-Frauen automatisch als Schlampen, wenn sie ihr romantisches oder sexuelles Verlangen äußern? Wer legt dies fest? Wer hat die Autorität, eine solche Meinung gesellschaftlich durchzusetzen?

Ausbeutung nicht von Vorteil

Der Mann als aktives Subjekt, die Frau als passives Objekt. Wer hat das bestimmt? Hollywood, die Sexualerziehung in der Schule, „die Gesellschaft“?

Liegt es allein an der Natur, dass Frau ihre Neigungen verkleiden muss, reaktiv statt aktiv? Oder bestätigt sich ein Verhalten in der Praxis? Immer wiederholt, nie hinterfragt?

Ich finde darauf keine Antwort. Mir ist nur bewusst, dass fast ausschließlich Männer vergewaltigen, sich an weiblichen Körpern zur eigenen Luststeigerung bereichern. Und doch gleichzeitig die meisten Suizide begehen und damit wohl als unglücklicher gelten können. Im Jahr 2024 waren rund 71,5 Prozent der über 10.300 Suizidopfer männlich, 28,5 Prozent weiblich. Von Vorteil – im Durchschnitt – für das eigene Geschlecht ist die Ausbeutung offenkundig nicht. Warum wird sie dann fortgesetzt?

Wäre ein, nur ein Schritt, Heranwachsenden die Scham zu nehmen, ihre Lust zu äußern – welche sexuelle Identität auch immer ihnen für sich selbst plausibel erscheint? Hoffnungsvoll wäre dies. Aber gleichermaßen illusorisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert